Zusammenfassung der Erkenntnisse

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der spezifischen Problematik von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien.
Da Alkoholismus in Deutschland eine weit verbreitete Sucht darstellt, ist gerade für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen ein umfassendes Wissen über diese Abhängigkeitserkrankung ebenso wie die Auswirkungen auf die mitbetroffenen Kinder unerlässlich. Insbesondere in der sozialarbeiterischen Praxis ist es wichtig die Lebensbedingungen, Bewältigungsstrategien und Entwicklungsmöglichkeiten dieser Kinder zu kennen und zu verstehen. Das Bewusstsein und Wissen über die Problematik von Kindern aus suchtbelasteten Familien ermöglicht es, diese eher zu identifizieren und ihnen Hilfe anzubieten bzw. zu vermitteln.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Alkoholismus eine sich schleichend entwickelnde Krankheit ist, welche unbehandelt schwere physische, psychische und soziale Folgeschäden mit sich zieht. Die Defizite einer alkoholkranken Person werden oft von Menschen im sozialen Umfeld des Abhängigen ausgeglichen oder (über-) kompensiert, d. h. Lebenspartner und Kinder fördern direkt oder indirekt die Fortführung des Suchtverhaltens. Diese Verhaltensweisen werden als Co-Abhängigkeit bezeichnet.

Familiärer Alkoholismus stellt eine extreme Belastungssituation für alle Familienmitglieder, insbesondere für die Kinder, dar. Die Atmosphäre ist gekennzeichnet durch Streit, Auseinandersetzung, Disharmonie, Unberechenbarkeit des Abhängigen und extreme Stimmungs-schwankungen, Loyalitätskonflikte sowie gebrochene Versprechen von Seiten der Eltern. In suchtbelasteten Familien gibt es unausgesprochene Regeln wie z. B. „Rede nicht, traue nicht, fühle nicht", die von allen Familienmitgliedern verfolgt werden. Als Realität in der Familie erleben die Kinder Instabilität, Verleugnung und Tabuisierung. Sie werden von Gefühlen wie Wut, Scham, Schuld, Angst und Hilflosigkeit beherrscht. Oftmals sind Kinder in alkoholbelasteten Familien sich selbst überlassen und müssen Aufgaben ihrer Eltern übernehmen. Gleichzeitig werden siefrühzeitig mit Erfahrungen konfrontiert, welche die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen überfordern.
Der elterliche Alkoholkonsum verändert das Rollengefüge innerhalb einer Familie. Um das innerfamiliäre Gleichgewicht aufrechtzuerhalten nehmen die Kinder und Jugendlichen in alkoholbelasteten Familien verschiedene, häufig gegensätzliche, Positionen ein. Sharon Wegscheider benennt die Rolle der Helden, der schwarzen Schafe, der stillen Kinder und der Clowns. Diese Rollen gehen einher mit einer Reihe von verfestigten Verhaltensstrukturen, aber auch der Entwicklung von Fähigkeiten und Kompetenzen.

Elterlicher Alkoholismus hat verschiedenste Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder. Als direkte Folge des mütterlichen Alkohol-konsums wird die Alkoholembryopathie benannt. Weiterhin kommt es in Kindheit und Jugend häufiger als in nichtsuchtbelasteten Familien zu Gewalt, sexuellem Missbrauch und Misshandlungen. Diese und andere Risikofaktoren stellen eine ernstzunehmende Bedrohung für die psychische und physische Gesundheit der Kinder dar. In der Literatur wird wiederholt darauf hingewiesen, dass Kinder alkoholabhängiger Eltern als eine der größten und am stärksten gefährdeten Risikogruppe bezüglich einer eigenen Suchterkrankung ab dem Jugendalter sowie im Hinblick auf zahlreiche körperliche, psychische und emotionale Störungen in Kindheit, Jugend- und Erwachsenenalter, gelten. In dieser Arbeit wird neben den Risikofaktoren auch auf die umwelt- und kindbezogene Schutzfaktoren hingewiesen.

Im praxisorientierten Teil werden u. a. die Selbsthilfe sowie die soziale Gruppenarbeit, als Varianten ambulanter Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien, aufgezeigt. Im Anschluss an die theoretische Behandlung des Themas stehen zehn Thesen zur Diskussion.

Der Abhandlung von Methodik und Durchführung folgen die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung. Mit Hilfe von leitfadengestützten Interviews wird eruiert, wie Sozialpädagogen und andere professionelle Mitarbeiter der Sucht- und Jugendhilfe die Situation der Kinder und Jugendlichen aus suchtbelasteten Familien einschätzen und wie sie dieArbeit mit dieser Zielgruppe beurteilen. Anhand von drei Experteninterviews konnte in Erfahrung gebracht werden, dass trotz dringender Notwendigkeit nicht genügend Angebote für diese Zielgruppe zur Verfügung stehen. Den aus dem elterlichen Alkoholismus resultierenden Problemen für die Kinder und Jugendlichen wird in der Praxis recht wenig Beachtung geschenkt. Gegenwärtig zeigt sich, dass hauptsächlich Modellprojekte mit unsicherer Finanzierung existieren. Neben präventiven Aspekten ist das Ziel der ressourcenorientierten Gruppenarbeit, die Kinder in ihrer Entwicklung positiv zu stärken.
Um das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen, wäre eine flächendeckende Angebotsstruktur für diese Zielgruppe wünschenswert. Die Experten sprechen sich einheitlich dafür aus, dass Mitarbeiter von Sucht- und Jugendhilfe eng zusammen arbeiten und kooperieren müssen. Neben der Entwicklung konzeptioneller Rahmbedingungen liegen insbesondere im Bereich der trägerübergreifenden Kooperations- und Vernetzungstätigkeit sozialarbeiterische Aufgaben. Zur Enttabuisierung des Themas „Sucht" in der Gesellschaft kommt dem Aufgabengebiet Öffentlichkeitsarbeit eine entscheidende Bedeutung zu. Generell sind Kinder aus alkoholbelasteten Familien in jeglichen Kinder- und Jugendeinrichtungen anzutreffen. Daher müssen sich alle Personen und Institutionen, welche mit Kindern, Jugendlichen und deren Familien arbeiten, mit dem Thema „Alkoholismus und dessen Auswirkungen" auseinandersetzen. Nur so kann das Ziel einer umfassenden, effektiven und frühzeitigen Hilfe verwirklicht werden.

Über die Autorin/den Autor
Alexandra May ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Zusätzlich studierte sie Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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