Risiko- und Schutzfaktoren

Risiko- und Schutzfaktoren

Kinder von alkoholabhängigen Eltern werden oft als unausweichlich defizitär sowie behandlungsbedürftig dargestellt und bekommen kaum eine Aussicht auf eine gesunde Entwicklung zugesprochen. Jedoch ist, laut Michael Klein (1998: 9), ausdrücklich nicht davon auszugehen, dass alle Kinder aus alkoholbelasteten Familien eine eigene Abhängigkeit oder psychische Erkrankung entwickeln. In den letzten Jahren werden in neueren Forschungen auch Kompetenzen, Entwicklungschancen und Ressourcen der Betroffenen berücksichtigt.Trotz der schwierigen Lebensumstände gibt es Kinder, welche eine gesunde Persönlichkeit entwickeln. Solche Kinder zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie:

  • ihre Talente effektiv nutzen.
  • häufig ein spezielles Hobby haben, das sie zusammen mit Freunden ausüben.
  • mindestens eine(n) neue(n) FreundIn haben.
  • in Krisenzeiten auf ein informelles Netzwerk von Nachbarn, Freunden und Verwandten zurückgreifen können.
  • intensiv an Gemeinschaftsaktivitäten wie Schülerband, Theater- oder Sportgruppen teilnehmen.
  • sich die Schule als einen Bereich einrichten, indem sie sich wohl und akzeptiert fühlen.

(vgl. Zobel 2001: 47 f)

Neben den objektiven Umständen des Aufwachsens in einer alkoholbelasteten Familie, ist vor allem die subjektive Wahrnehmung und Bewertung, d. h. die kognitive Verarbeitung, des elterlichen Alkoholismus relevant für die psychische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. So sind zwei unterschiedliche Reaktionsweisen möglich. Entweder werden die Erlebnisse als Herausforderung verstanden oder aber die Umgebung wird als schädigend wahrgenommen. (vgl. Klein 1998: 25 ff).

An dieser Stelle werden den Risikofaktoren, die Schutzfaktoren gegenüber gestellt. Die Entstehung von Auffälligkeiten bei den Kindern ist die Bilanz von kind- und umweltbezogenen Belastungen und Ressourcen, d. h. das Zusammentreffen der Risiko- und Schutzfaktoren ergibt letztlich die Entwicklungsprognose des Kindes.

Risikofaktoren

Neben dem Ausmaß und der Stärke des elterlichen Alkoholismus haben nachfolgende Risikovariablen einen Einfluss auf die Entwicklung und das Ausmaß der kindlichen Störung:

Umweltbezogene Risikofaktoren

  • dysfunktionale Familienatmosphäre
  • häufige Trennung in der Familie
  • geringe emotionale Bindung in der Familie
  • mangelnde Unterstützung und Kontrolle durch die Eltern
  • multigenerationale Sucht
  • elterliche Comorbidität
  • Abhängigkeit beider Eltern
  • frühzeitiger Beginn der elterlichen Abhängigkeit
  • Modelllernen
  • niedriger sozioökonomischer Status der Familie

Kindbezogen Risikofaktoren

  • Gewalterfahrungen, Erfahrung von sexuellem Missbrauch
  • Vulnerabilität
  • genetische Disposition

(vgl. Klein 1998: 18 ff, Zobel 2000: 177 ff, Ripke 2003: 109 f)

In einer Langzeitstudie von Emmy Werner (1986) wurde festgestellt, dass Söhne aus Suchtfamilien, im Vergleich zu Töchtern mehr psychische Störungen aufwiesen sowie dass sich die Abhängigkeit der Mutter negativer auf die Entwicklung der Kinder auswirkt als Alkoholismus des Vaters. Mütterlicher Alkoholismus führt eher zu emotionalen Störungen, wobei sich bei väterlichem Alkoholismus der höchste Wert für dissoziale Störungen zeigt. (vgl. Klein 1998: 22 ff)

Schutzfaktoren

Neben Risikofaktoren sind Kinder auch Schutzfaktoren ausgesetzt. Sehr aufschlussreich für die Entstehung kindlicher Verhaltenssauffälligkeiten in alkoholkranken Familien ist der Forschungsbereich der Resilienz bzw. der protektiven Faktoren. Unter Resilienz ist jede Fähigkeit gemeint, trotz widriger Umstände psychische Gesundheit zu bewahren oder zu entwickeln. Diese psychische Widerstandsfähigkeit schützt die Kinder vor den Auswirkungen der suchtkranken Familienumwelt. Steven und Sybil Wolin (1995) haben folgende sieben Resilienzen benannt:

  • Einsicht: z. B. das mit dem abhängigen Vater etwas nicht stimmt
  • Unabhängigkeit: z. B. sich von den Stimmungen der Familie nicht mehr beeinflussen lassen
  • Beziehungsfähigkeit: z. B. Aufbau von emotionalen Beziehungen außerhalb des Elternhauses
  • Initiative: z. B. in Form von sportlichen Aktivitäten
  • Kreativität: z. B. in Form von künstlerischem Ausdruck
  • Humor: z. B. in Form von Ironie als Methode der Distanzierung
  • Moral: z. B. in Form eines von den Eltern unabhängigen Wertesystem

(vgl. Klein 2004 b: 5)

Weitere mögliche protektive Faktoren sind:

Kindbezogen Schutzfaktoren

eine positive Lebenseinstellungangemessene Bewältigungsstrategien, Problemlösungsfähigkeitsoziale Kompetenzen, ausreichende Kommunikationsfähigkeitaktives, kontaktfreudiges Temperamentdurchschnittliche Intelligenz, LeistungsorientierungFähigkeit zur Verantwortungsübernahmepositives Selbstwertgefühl und SelbsteinschätzungGlaube an Hilfsmöglichkeiten

Umweltbezogene Schutzfaktoren

das Einhalten von familiären Ritualengute emotionale Beziehung zum nicht-abhängigen Elternteilund/oder zu anderen Bezugsperson (z. B. Großeltern, Freunden);
das Vorhandensein alternativer Unterstützungssystemegeringe Exposition des elterlichen Trinkens und der elterlichen Auseinandersetzungenviel Aufmerksamkeitkeine längere Trennungen während der Kindheitkeine weiteren Geburten in den ersten Lebensjahrenkeine schweren elterlichen Konflikte bis zum zweiten Lebensjahrein offener Umgang mit dem Alkoholproblem in der Familiepositive Geschwisterbeziehungensoziale Förderung z. B. in der Schule, in Jugendgruppen

(vgl. Klein, Zobel 2001: 95, Zobel 2000: 179 ff, Ripke 2003: 110)

Über die Autorin/den Autor
Alexandra May ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Zusätzlich studierte sie Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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