Die Erlebnis- und Gefühlswelt

Die Erlebnis- und Gefühlswelt

Die Erlebniswelt und das Gefühlsleben der Kinder werden stark von der familiären Situation geprägt. Laut einer Studie in Margaret Cork´s Buch: „The forgotten children", aus dem Jahre 1969, sind die von den betroffenen Kindern am häufigsten genannten Erfahrungen und Anliegen:

  • Nicht zu Freunden gehen, um nicht in die Zwangslage zu geraten, diese zu sich nach Hause einladen zu müssen, wo sich die Eltern beschämend verhalten könnten.
  • In der Schule mit den Gedanken zu Hause sein, was dort gerade Schlimmes passiert oder bald passiert.
  • Andere Kinder beneiden oder eifersüchtig auf diese sein, wenn sie Spaß und Leichtigkeit mit ihren Eltern erleben.
  • Sich als Kind unter Gleichaltrigen isoliert, abgewertet und einsam fühlen.
  • Sich von den Eltern vernachlässigt, bisweilen alsungewolltes Kindfühlen.
  • Für die Eltern sorgen, sich um sie ängstigen, insbesondere wenn die Mutter süchtig trinkt.
  • Sich um Trennungsabsichten oder vollzogene Trennungen der Eltern unablässig Sorgen machen.
  • Als Jugendlicher die Eltern nicht im Stich lassen wollen.
  • Die Eltern für ihr Fehlverhalten entschuldigen. Lieber andere Menschen oder sich selbst beschuldigen.
  • Vielfache Trennungen und Versöhnungen der Eltern erleben und sich nicht auf einen stabilen, dauerhaften Zustand verlassen können.
  • Wenn der trinkende Elternteil schließlich mit dem Alkoholmissbrauch aufhört, weiterhin selbst Probleme haben oder solche suchen.

(aus Klein 1996 a: 154 f)

Weitere häufig genannte Erfahrungen sind die Unberechenbarkeit des elterlichen Verhaltens, Mangel an Kontinuität, Ambivalenzerfahrungen, belastende Emotionen, erfolglose Kontrollversuche sowie Loyalitätskonflikte (vgl. Klein, Zobel 1997: 133 ff).

Da die Eltern mit den eigenen Problemen beschäftigt sind und sich das Familienleben ausschließlich um den alkoholkranken Elternteil dreht, kommt den Kindern nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu. Die Kinder empfinden sich als überflüssig und unerwünscht. Claudia Black (1988) und Ingrid Arenz-Greiving (1998) gehen davon aus, dass Kinder aus Alkoholikerfamilien insbesondere von folgenden Gefühlen beherrscht werden: Angst, Traurigkeit, Wut, Scham und Schuld.
Nachfolgenden wird auf einige wesentliche Aspekte der Lebenssituation und des Gefühlsleben der Kinder und Jugendlichen eingegangen.

Enttäuschungen, Verunsicherung, Misstrauen

Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil hoffen permanent, dass dieser seinen Alkoholkonsum beenden. Dies geschieht zeitweise, wenn der Alkoholiker versucht abstinent zu leben. Wird er jedoch rückfällig, werden die Kinder in ihrer Hoffnung erschüttert. Bei jedem Abstinenz-versuch keimt die Hoffnung wieder auf. Aufgrund der andauernd enttäuschten Erwartungen und Vertrauensbrüchen, durch nicht einge-haltene Versprechen seitens des Suchtkranken, kann ein großes Misstrauen gegenüber dem Abhängigen entstehen.

„Papa war böse, er hat geschrien und uns alle geschlagen. Am nächsten Tag war er wieder lieb, so, als ob nichts passiert wäre. Er kann doch nicht vergessen haben, was er gesagt und getan hat!? (ein 8jähriger Junge in der Kindertherapie)." (Arenz-Greiving 1998: 40)

Kinder in Alkoholikerfamilien sind von klein auf verunsichert, da sie nie abschätzen können, wie sich der abhängige Elternteil verhält und was im nächsten Moment passiert. Die Unberechenbarkeit des elterlichen Ver-haltens und die inkonsequente Erziehungshaltung, z. B. das Wechselbad zwischen Härte und Verwöhnung, vermittelt den Kindern die Grunder-fahrung, dass sie sich auf ihre Eltern und allgemein auf die Erwachsenen nicht verlassen können. Sie sind verunsichert und erfahren, dass man Worten nicht trauen kann. (vgl. Klein 1998: 17; Bertling 1993: 62).
Kurz: „Das einzig Zuverlässige ist das Unzuverlässige!" (Arenz-Greiving 2004: 10).

Loyalitätskonflikte und Ambivalenzerfahrungen

Streitigkeiten der Eltern und eheliche Spannungen bringen die Kinder in massive Konflikte. Sie fühlen sich zerrissen zwischen den Eltern.
„Das schlimmste an der Alkoholabhängigkeit war für mich nicht, dass mein Vater getrunken hat, sondern dass meine Eltern nicht miteinander zurecht kamen... (Gregor 26)." (Arenz-Greiving 2004: 11)

Sie erleben massive Loyalitätskonflikte, resultierend daraus, dass sich die Kinder beiden Elternteilen verpflichtet fühlen. Jedoch erlauben es die Beziehungskonstellationen nicht, die Solidarität gleichermaßen in beide Richtungen auszudrücken, so dass die Kinder häufig zu keinem Elternteil eine emotionale vertrauensvolle Beziehung herstellen können. Die Kinder erleben sehr viele Ambivalenzerfahrungen, z. B. den alkohol-abhängigen Elternteil zu hassen und gleichzeitig lieb zu haben. Niemand hilft den Kindern, diese widersprüchlichen Gefühle zu verstehen. (vgl. Arenz-Greiving 1998: 39; Klein 1998: 17)

Verleugnung und Tabuisierung

Kinder und Jugendliche in alkoholbelasteten Familien unterliegen dem Zwang der familiären Geheimhaltung. Die Alkoholproblematik in der Familie wird verschwiegen und tabuisiert. Die Kinder spüren, dass sie sich um die Familie nicht zu gefährden, niemanden anvertrauen dürfen. Sie leben in einer ängstlichen Dauerspannung und vermeiden es oftmals, aus der Angst heraus, das Familiengeheimnis zu verraten, Freundschaften einzugehen und sind dadurch isoliert und einsam. Lügen, Ausreden und Entschuldigungen sind in diesen Familien Alltag und bewirken bei den Kindern ein emotionales Durcheinander. Für Kinder aus alkoholbelasteten Familien ist es normal Gefühle zu zeigen, die sie nicht haben und eigene Gefühle zu verdrängen und zu verleugnen. Besonders schädlich für die Kinder ist, dass sie nicht lernen ihren eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen zu trauen. Dies beeinflusst die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls.
(vgl. Bertling 1993: 63; Lambrou 2000: 27 ff)

Scham- und Schuldgefühle

Scham- und Schuldgefühle sind ein zentrales Thema in alkoholbelasteten Familien. Die Schuldgefühle können bei den Kindern und Jugendlichen sehr ausgeprägt sein, soweit, dass sie sich selbst für die Erkrankung des abhängigen Elternteils verantwortlich fühlen und glauben mit ihrem Verhalten die Situation beeinflussen zu können. Vor allem ältere Kinder und Jugendliche schämen sich für ihren abhängigen Elternteil, besonders dann wenn dieser z. B. zu einem Elternabend alkoholisiert erscheint. Auch vermeiden sie es Freunde und Schulkameraden mit nach Hause zu bringen, um vorhersehbaren Peinlichkeiten zu entgehen.
(vgl. Arenz-Greiving 1998: 40)

Gefühl der Überforderung und Grenzüberschreitung

Ein zentrales Problem für die Kinder ist die permanente Überforderung. Sie können und dürfen ihre kindgemäßen Bedürfnisse oftmals nicht ausleben. So werden sie früh gefordert und überfordert. Sie bekommen verantwortungsvolle Aufgaben des suchtkranken Eltern übertragen: sorgen für jüngere Geschwister, organisieren den Haushalt, müssen in Krisensituation Entscheidungen treffen, fungieren als Trostspender des nichtsüchtigen Elternteils und werden mit Erfahrungen konfrontiert, welche die emotionalen und kognitiven Fertigkeiten von Kindern und Jugendlichen überfordern.
(vgl. Arenz-Greiving 1998: 40; Sand 2003: 41 f)

In Familien mit Suchtproblemen kommt es neben Überforderungen häufig zu körperlichen, emotionalen und sexuellen Grenzüberschreitungen und damit auch zu unterschiedlichen Formen der Gewalt. Oftmals werden die Ich-Grenzen der Kinder nicht hinreichend anerkannt. Es finden Übergriffe unterschiedlichster Art in den Persönlichkeitsbereich der anderen Familienmitglieder statt. Neben körperlicher Gewalt werden Generationsgrenzen aufgehoben, erwachsene Angehörige werden wie Kinder behandelt und Kinder zum emotionalen Partnerersatz gemacht.
(vgl. Sand 2003: 42; Klein 1996 b: 21 ff; Bertling 1993: 61 f)

Über die Autorin/den Autor
Alexandra May ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Zusätzlich studierte sie Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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