Die Bedeutung des Alkoholismus für die Familie

Die Bedeutung des Alkoholismus für die Familie

„5 - 7 Millionen Angehörige sind durch die Alkoholabhängigkeit eines Familienmitglieds betroffen." (aus Jahrbuch der Sucht 2001, zitiert nach Arenz-Greiving 2004: 11). D. h. es gibt mehr Angehörige als Sucht-kranke selbst. Ausgehend von der Tatsache, dass Alkoholismus das gesamte Familiensystem betrifft, stellt sich die Frage in welcher Weise ein alkoholabhängiger Mensch seinen Partner und seine Kinder beeinflusst. Laut Sharon Wegscheider (1988: 82) kann niemand im Zusammenleben mit einem Alkoholiker gesund bleiben. Die Angehörigen und erst recht die Kinder richten ihr Verhalten nach der Suchterkrankung des betroffenen Elternteiles, da sich, aufgrund des Alkoholismus, die gesamte Familienstruktur und Dynamik verändert.

Die Familie als System

Um die Geschehnisse in einer alkoholbelasteten Familie zu verstehen, ist ein Modell aus der familientherapeutischen Arbeit, in dem die Familie als Ganzes, als soziales System, betrachtet wird und jeder einzelne Angehörige mit seinen spezifischen Gefühlen und persönlichen Entwicklungen Berücksichtigung findet, geeignet. In dem System Familie beeinflussen sich demnach alle Familienmitglieder gegenseitig. Jeder Angehörige versteht sich als eine individuelle Person, wobei die Individuen miteinander verbunden sind, z. B. durch Familientraditionen und Familienregeln. Wird nun ein Familienmitglied alkoholkrank, so wirkt sich dies auf alle sich im System befindenden Personen aus. Da ein solches System immer nach Gleichgewicht strebt, versuchen alle Angehörigen eine neue Balance herzustellen und durch unterschiedliche Verhaltensmuster einen Ausgleich zu schaffen. Diese reichen von Verdrängung und Verleugnung, Kontrolle über den Abhängigen und Manipulation der häuslichen Umgebung bis zur Entwicklung von rigiden Rollen. Die Verhaltensmuster richten sich dabei nach den Phasen des Alkoholabhängigen. Die Familie versucht, durch starre Regeln und festgelegte Rollen, den Alkoholismus und die damit verbundene Belastung auszubalancieren, wobei dieses ausgleichende Verhalten die Abhängigkeit nur noch verstärkt.
(vgl. Rennert 1996: 229 ff; 2001: 64)

Co-Abhängigkeit

Ende der 70er Jahre wurden in den USA die ersten Materialien veröffentlicht, die typischen Entwicklungen in Familien beschreiben, in denen die Abhängigkeit von Alkohol, eine Rolle spielt. In dieser Zeit wurde der Begriff Co-Abhängigkeit (aus dem Englischen: „co-dependency") geprägt. Laut Michael Klein (2004 a) wird unter Co-Abhängigkeit ein Verhalten verstanden, dass unter scheinbarer Aufopferung der eigenen Bedürfnisse und der eigenen Würde das suchtkranke Verhalten des Partners entschuldigt, erklärt, deckt und somit meist unangreifbar macht. Es entwickelt sich ein Prozess zunehmender Selbstverleugnung, Schuld- und Schamgefühle, oft gekoppelt mit Depressionen und Angst. Heidrun Michaelis (1996: 239 ff) spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Persönlichkeitsstörung oder einem ungesunden zwanghaften Verhaltensmuster. Sie fasst die Merkmale der Co-Abhängigkeit folgendermaßen zusammenfassen: Es ist die Sucht gebraucht zu werden, die Sucht unentbehrlich zu sein. Co-abhängiges Verhalten ist der Versuch, eigene Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren und soziale Anerkennung zu erhalten. Co-Abhängigkeit hat zwei Seiten: einerseits leiden die betroffenen Personen unter dem Verhalten des Abhängigen, andererseits unterstützen sie die Sucht und deren Weiterentwicklung durch ihre Hilfsaktionen, da die abhängige Person die natürlichen Konsequenzen seines Verhaltens nicht zu spüren bekommt. Dieses unterstützende Handeln wird im englischen auch „enabling" genannt. Wegscheider benennt die Rolle des Zuhelfers als „Enabler", wobei diese Rolle im Allgemeinen von den Partnerinnen der alkoholkranken Männer übernommen wird, da Frauen, aufgrund ihrer spezifischen Rollenerwartung, besonders gefährdet sind co-abhängige Verhaltensweisen zu entwickeln. Ebenso wie sich der Alkoholismus schleichend entwickelt, so bildet sich auch die Co-Abhängigkeit erst allmählich und in Wechselwirkung mit der Alkoholabhängigkeit heraus.
(vgl. Rennert 2001: 63 ff; Wegscheider 1988: 96)

Man unterscheidet drei Phasen der Co-Abhängigkeit:

  • die Beschützerphase: Die Partner glauben mit Verständnis und Zuwendung dem Trinken des Abhängigen ein Ende setzten zu können. Gerade Mütter versuchen einen geregelten Familienalltag aufrechtzuerhalten und das Alkoholproblem vor den Kindern zu verbergen. Die negativen Folgen des Trinkens werden toleriert, es erfolgt keine Konfrontation. Weiterhin übernehmen die Frauen Aufgaben des Ehemanns, um diesen zu entlasten, suchen Erklärungen für seinen zunehmenden Alkoholkonsum, und decken den Alkoholismus gegenüber Dritten. Aufgrund dieser Kompensation, seitens der Angehörigen, sieht der Abhängige keine Notwendigkeit zur Überwindung seiner Defizite.
  • die Kontrollphase: Hilft alles Beschützen und Verständniszeigen nicht, versuchen die Angehörigen meist, das Verhalten des abhängigen Partners zu kontrollieren. Die Gedanken drehen sich darum, wie das Alkoholtrinken verhindert werden kann. In diese familiären Kontrollmechanismen werden auch die Kinder mit einbezogen. Das Selbstwertgefühl der co-abhängigen Person hängt stark vom Erfolg dieser Kontrollversuche ab, scheitern diese, wird dies als persönliches Versagen erlebt. Co-Abhängige verdrängen eigene unangenehme Gefühle, geben immer mehr ihre eigenen Interessen auf, dies führt häufig soweit, dass der Süchtige zum Lebensmittelpunkt und -Inhalt des Angehörigen wird. Diese Aufopferung für den Suchtkranken kann bis zur völligen Selbstverleugnung reichen. Folge der Vernachlässigung der eigenen seelischen und körperlichen Gesundheit sind häufig psychosomatische Erkrankungen.
  • die Anklagephase: Die Co-Abhängigen lassen in dieser Phase, den sich oft über Jahre angestauten Ärger heraus. Der Abhängige wird zum Verursacher aller Probleme und Schwierigkeiten in der Familie erklärt. Der Zustand der Verstrickung und Hilflosigkeit führt zu vermehrter Frustration und ruft bei den co-abhängigen Angehörigen, Gefühle wie Enttäuschung, Wut, Verzweiflung, Hass, Trauer, Leid, Schuld- und Ohnmachtgefühle sowie Gefühle der Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Isolation hervor.

(vgl. Rennert 1996: 239 ff; 2001: 66 ff; LZG 2004)

Über die Autorin/den Autor
Alexandra May ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Zusätzlich studierte sie Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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