Soziale Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen

Soziale Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen

einigen Institutionen des sozialen Hilfesystems wird als ein besonderer Schwerpunkt sozialpädagogische Gruppenarbeit für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien angeboten. Laut Ingrid Arenz-Greiving (2004: 14) gibt es in Deutschland ca. 30 bis 40 professionelle Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche aus alkoholbelastetenFamilien. Jedoch existieren bisher für die Gruppenangebote keine inhaltlichen, methodischen oder finanziellen Vereinheitlichungen bzw. Standardisierungen. Es handelt sich häufig um Modell- oder Pilotprojekte, welche auf der Initiative von einzelnen Institutionen oder Mitarbeitern ins Leben gerufen werden.

An dieser Stelle wird aufgezeigt, gemäß welchen inhaltlichen und formalen Überlegungen Gruppenangebote für Kinder bzw. Jugendliche aus suchtbelasteten Familien durchgeführt werden können. Hierbei dienen vor allem die Konzepte der bestehenden Gruppen „Kids & Co" in Bergisch Gladbach und die „Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Familien Suchtkranker" in Balingen als Orientierung.

Trägerschaft und Finanzierung

Die Gruppenangebote für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien finden vorrangig im Rahmen von Erziehungsberatungsstellen, Suchtberatungsstellen und psychosozialen Diensten statt.
Derzeit existieren keine allgemeingültigen Regelungen bezüglich der Zuständigkeit und Zuordnung zu bestimmten Kostenträgern. Aus diesem Grunde müssen Einzelregelungen erprobt und verschiedene Finanzierungsquellen kombiniert werden. (vgl. Mayer 2003: 166)

Folgende Finanzierungsmöglichkeiten sind denkbar:

  • Fördermittel der Jugendhilfe: Erzieherischer Kinder- und Jugendschutz nach §14 KJHG, soziale Gruppenarbeit nach §29 KJHG, Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche nach §35 a KJHG
  • Präventionsleistungen der gesetzlichen Krankenkassen nach §20 SGB V 1
  • Eigenbeteiligung der Eltern
  • Eigenmittel z. B. Spenden

Zielgruppe

Die Gruppen sind in der Regel offen für Jungen und Mädchen deren Eltern abhängig von Alkohol und/oder illegalen Drogen sind oder eine andere Suchtproblematik wie z. B. Medikamentenabhängigkeit aufweisen. Gruppen in denen ausschließlich Kinder aus alkoholbelasteten Familien aufgenommen werden sind nicht bekannt. Das Alter der Kinder reicht von 7 bis 16 Jahren.

Der Zugang zur Zielgruppe erfolgt unter anderem über Beratungs- und Behandlungsstellen sowie Selbsthilfegruppen für Suchtkranke, Erziehungs- und Lebensberatungsstellen, den Allgemeinen Sozialen Dienst sowie über Kinder- bzw. Hausärzte, sozialpädagogische Familienhilfe und andere Einrichtungen, welche mit diesen Kindern Kontakt haben. (vgl. Mayer 2003: 150 f)

Reinhard Mayer (2003: 160) äußert in diesem Zusammenhang jedoch Bedenken bezüglich des Zugangs der Kinder zu den Gruppenangeboten. Da eine Vielzahl von Vorbehalten von Seiten der Eltern, Ängste sowie Scham- und Schuldgefühlen, die für eine effektive Arbeit notwendige Bereitschaft der Eltern, die Kinder in eine solche Gruppe zu geben, erschweren. Ebenso deutet Ingrid Arenz-Greiving (2004: 14) an, dass die wenigen Angebote, die existieren, recht schlecht angenommen werden. Die Kinder kommen nur in die Gruppe, wenn zumindest ein Elternteil sie darin unterstützt. Sind die Eltern selbst schon im Suchthilfesystem eingegliedert, ist ihre Bereitschaft auch Unterstützung für das Kind anzunehmen recht groß.

Zielsetzungen

Grundsätzlich haben die Gruppenangebote präventiven Charakter. Die Kinder sollen durch ein strukturiertes Gruppenangebot in ihrer positiven Entwicklung unterstützt und stabilisiert werden. Die zusammenfassende Zielsetzung von Kids & Co ist gemäß Hildegard Wunsch und Bernhardt Wollmann (1998: 54) die Stärkung der Ich-Identität. Auch für die Gruppe in Balingen wir als übergeordnetes Ziel die allgemeine Stärkung der kindlichen Persönlichkeit benannt. Daneben werden der Aufbau und die Unterstützung der kindlichen Widerstandfähigkeitgegenüber Risikoeinflüssen durch die Förderung der Resilienz und individuellen Ressourcen angeführt. (vgl. Kähni 2003: 120 ff)

"Den Kindern sollen Kompetenzen (Selbstvertrauen, Entscheidungs-freiheit- und Beziehungsfähigkeit, Selbstsicherheit usw.) sowie positive soziale Erfahrungen (...) vermittelt werden, um eine soziale Nachreifung und eine eigenständige Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen." (Mayer 2003: 164)

Diese Zielperspektive konkretisiert sich in den nachfolgenden kindbezogenen Aufgaben:

  • Aufhebung des Tabuthemas
  • Abbau der Schuldgefühle (Entlastung)

Unterstützung:

  • bei der Überwindung innerer Sprachlosigkeit und Isolation
  • bei der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse und Gefühle
  • im Umgang mit Konflikten und Aggressionen (vgl. Wunsch, Wollmann 1998: 54)
  • Bearbeitung und Veränderung auffälliger Verhaltensweisen
  • Förderung der individuellen und sozialen Fähigkeiten
  • Verhinderung einer sich möglicherweise entwickelnden Suchterkrankung sowie die kritische und selbstverantwortliche Haltung im Umgang mit Alltagsdrogen

(vgl. Mayer 2003: 165).

Ausgehend von den in Kapitel 2 angesprochenen Rollen-charakterisierungen sind für die einzelnen Kinder unterschiedliche Ziele und Angebote innerhalb der Gruppenarbeit relevant. Unterstützungs-angebote für die Helden müssen daraufhin abzielen, dass diese Kinder lernen sich abzugrenzen und Verantwortung abzugeben, d. h. nicht nur für andere zu sorgen, sondern zuerst und vor allem für sich selbst. Auch die Fähigkeit sich fallen zu lassen und Kind zu sein, muss von den Helden erst erlernt werden. Das grundlegende Ziel für die schwarzen Schafe liegt in der Steigerung des Selbstwertgefühles. Gerade hier ist das Schaffen positiver Erfahrungen und das Bewusstwerden eigener Stärken bedeutsam. Bezüglich der stillen Kinder gilt, es Angebote innerhalb derGruppe zu bieten, welche diese Kinder aus der Reserve locken und aktivieren. Ebenso wie für die schwarzen Schafe und die Clowns ist die Einbindung und Übernahme von Verantwortung wichtig für die stillen Kinder. Bezüglich der Clownrolle sind folgende Ziele zu nennen: für Ruhe und Entspannung zu sorgen, sie zum Theaterspielen zu animieren sowie den Kinder die Möglichkeit zu bieten negative Gefühle zu zulassen. (vgl. Ehrenfried et. al. 2001: 34 ff)

Methodisches Handeln und Gestaltung

Die Gruppen finden regelmäßig einmal wöchentlich bzw. vierzehntägig für ca. zwei Stunden statt. Prinzipiell wird zwischen geschlossenen, halboffenen und offenen Gruppen unterschieden. Die Teilnehmerzahlen variieren zwischen vier und acht Kindern. Die Dauer einer Gruppe ist in der Regel auf eineinhalb Jahre konzipiert. Zur Veranschaulichung des Ablaufes der Kindergruppen dient das im Anhang 6 abgebildete Schema. Meist werden die Gruppen von zwei Fachkräften, unterschiedlichen Geschlechts geleitet. Hierbei handelt es sich meist um therapeutische und pädagogische Mitarbeiter wie Sozialpädagogen, Heilpädagogen und Psychologen. Die Konstellation Mann-Frau stellt eine familienähnliche Situation dar, die das Ausspielen von Familienszenen begünstigt. Die Kinder sollen die Elternrolle neu erleben und erlernen, dass sich Erwachsene gegenseitig respektieren, zusammenarbeiten und Konflikte austragen.

Methodisch hat sich in der Praxis eine Kombination von spiel- und erlebnispädagogischen Ansätzen bewährt (vgl. Ehrenfried et al. 2001: 45). Wobei sich in der Gruppenarbeit von Kids & Co sozialpädagogische und heilpädagogisch-therapeutische Ansätze verbinden. Zur Gestaltung der Gruppenarbeit sind die nachstehenden Methoden denkbar.

In Einzel- bzw. Gruppengesprächen werden Konflikte offen angesprochen und die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen thematisiert. Laut Hildegard Wunsch und Bernhard Wollmann (1998: 54) ist es eine Erleichterung für die Kinder, wenn sie im geschützten Rahmen über das Tabu „Sucht" sprechen können.

Aus gruppendynamischer Sicht sind gemeinschaftliche Aktivitäten wie Feierlichkeiten, Ausflüge und Familienwochenenden von großer Bedeutung. Über diese gemeinsamen Unternehmungen wird der Kontakt und Beziehungsaufbau unter den Kindern und zu den Gruppenleitern gefördert. Die Kindergruppe von Kids & Co beginnt jede Gruppenstunde mit der gemeinsamen Zubereitung einer Mahlzeit. Auch dieses Vorgehen simuliert eine familienähnlichen Situation und bietet den Kindern die Möglichkeit ungezwungen über die aktuellen Ereignisse der vergangenen Woche zu sprechen (vgl. Wunsch, Wollmann 1998: 55).

Das Einhalten von Ritualen, ähnlich dem gemeinsamen Essen, ebenso wie eine klare räumliche und zeitliche Strukturierung soll den Kindern Orientierung und Verlässlichkeit bieten. Verbindliche Gruppenregeln, feste Bezugspersonen sowie ein geregelter Ablauf mit immer wiederkehrenden Ritualen, z. B. Einstiegs- bzw. Abschlussrunde, vermitteln den Kinder das Gefühl von Sicherheit und helfen dabei Ängste abzubauen. Innerhalb dieser feststehenden Strukturen können sie sich selbst ausprobieren und ihre Kreativität entfalten.

Der Einsatz von kreativen Methoden wie das freie Zeichnen, Malen und Gestalten (z. B. Tonarbeiten) ist unverzichtbar. Die Kinder können auf dem Papier ihre inneren Gefühlslagen zum Ausdruck bringen. Über den Umgang mit verschiedenen Materialien aber auch mittels Collagearbeiten kann kindgerecht ein bestimmtes Thema wie z. B. Sucht oder Konflikte bearbeitet werden (vgl. Ehrenfried et al. 2001: 54 ff).

Der Förderung von Körper- und Bewegungsehrfahrungen wird mittels körperbezogener Angebote wie Entspannungsübungen und sportliche Betätigungen verwirklicht, auch diese Methode hilft den Kindern bei der Wahrnehmung, der Verarbeitung und dem Auslebung von Gefühlen.
Die Gruppenstunden bieten den Kindern einen verlässlichen und geschützten Rahmen, in dem sie belastende Situationen aus ihrer Lebenswelt im Spiel aufarbeiten können. Insbesondere Spiele zur Förderung sozialer Kompetenzen, aber auch Bewegungs-, Interaktions- und Kommunikationsspiele kommen hier zum Einsatz.

Laut Hildegard Wunsch und Bernhard Wollmann (1998: 54) ist das Psychodrama mit Kindern eine Gruppenmethode, in der die Spielfreude der Kinder und ihre Bereitschaft sich in andere Rollen zu versetzengenutzt wird. Rollenspiele bieten die Gelegenheit auch einmal negative Gefühle offen auszudrücken und den Umgang mit Aggressionen zu erlernen.

Es sei hervorgehoben, dass es in der Gruppenarbeit mit Kindern und der mit Jugendlichen bedeutsame Unterschiede gibt. Insbesondere während der Phase der Pubertät treten Verhaltensweisen auf wie z. B. Peergroup-verhalten, ein verstärktes Misstrauen gegenüber Erwachsenen und das Bedürfnis sich von diesen abzugrenzen (vgl. Ehrenfried et al. 2001: 93 f). An dieser Stelle sei auf das Praxisbuch „Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Familien Suchtkranker" verwiesen, indem die Autoren auf die Besonderheiten der Gruppenarbeit mit Jugendlichen eingehen.

Arbeit mit den Bezugspersonen

Ergänzend zum Gruppenangebot für die Kinder finden in regelmäßigen Abständen begleitende Elternabende statt. Hier sind neben den leiblichen Eltern, auch Adoptiv- und Pflegeeltern oder andere wichtige Bezugspartner der Kinder angesprochen. Die Elterngespräche dienen dazu die Eltern an den Entwicklungsprozessen der Kinder zu beteiligen, die Koordination der Hilfen zu optimieren und die Selbstreflexion zu stärken. Der abhängige Elternteil ist in der Praxis eher nicht dazu bereit oder in der Lage Gesprächsangebote wahrzunehmen.

Elternbezogene Intervention sind:

  • die Sensibilisierung für die Auswirkungen der Sucht auf das Kind
  • die Wahrnehmung der Betroffenheit des Kindes
  • die Stärkung des Einfühlungsvermögens
  • die Stärkung der Erziehungskompetenz
  • der Abbau von Parentifizierung des Kindes

(mündliche Quelle vom 6. Dezember 2004: Michael Elpers, Nacoa-Informationsveranstaltung, Berlin)

Wirkung der Gruppenarbeit

In einer wissenschaftlichen Begleitung des Modellprojektes „Prävention und Frühintervention bei Kindern aus suchtbelasteten Multiproblem-familien" durch das Rheinische Institut für angewandte Suchtforschung (RIAS) wurde unter anderem die Wirkung der Gruppenarbeit auf die Kinder und Jugendlichen evaluiert.

Demnach profitieren diese Kinder in folgenden Bereichen von diesen Angeboten:

  • Autonomie und Unabhängigkeit zu entwickeln
  • eine soziale Orientierung zu bekommen und angemessenes Sozialverhalten zu erlernengrundlegende Bedürfnisse zu befriedigen
  • tiefe und tragfähige Beziehungen aufzubauen
  • erfolgreich mit emotionalen Erfahrungen umzugehen
  • eine positive Auffassung vom Leben zu entwickeln und aufrecht zu erhalten
  • eine positive Auffassung vom Leben zu entwickeln und aufrecht zu erhalten

(vgl. RIAS 2005)

Über die Autorin/den Autor
Alexandra May ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Zusätzlich studierte sie Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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