Das Rollenverhalten als Bewältigungsstrategie

Das Rollenverhalten als Bewältigungsstrategie

Die amerikanischen Autorinnen Sharon Wegscheider (1988) und Claudia Black (1988) sind unabhängig voneinander auf die Rollen von Kindern mit alkoholkranken Eltern bzw. Elternteilen aufmerksam geworden und haben diese wie folgt benannt:

Sharon Wegscheider:

  1. Rolle: der Held
  2. Rolle: das schwarze Schaf
  3. Rolle: das stille Kind
  4. Rolle: der Clown

(vgl. Wegscheider 1988: 133 ff)

Claudia Black:

  1. Rolle: der Verantwortungsbewusste
  2. Rolle: das ausagierende Kind
  3. Rolle: das fügsame Kind
  4. Rolle: der Friedensstifter

(vgl. Black 1988: 27 ff)

Die Ähnlichkeit in beiden Modellen ist zu erkennen. So bezeichnet Claudia Black den Helden als „verantwortungsbewusstes Kind", den Sündenbock als „ausagierendes Kind" und das stille Kind als das „fügsames Kind". Anstatt der Rolle des „Clowns" hat Claudia Black als vierte Rolle den „Friedensstifter" entwickelt. Dieser ist der Trostspender in der Familie und versucht die anderen Familienmitglieder aufzumuntern, so als ob er für alles Leid in der Familie verantwortlich sei. Verschiedene weitere Autoren beschreiben die typischen Rollenmuster in ähnlicher Weise, so z. B. die deutsche Pädagogin Ursula Lambrou (1990), wobei auch sie sich mit der Darstellung ihrer fünf Rollen auf Sharon Wegscheider und Claudia Black bezieht:

  1. Rolle: das verantwortungsbewusste Kind
  2. Rolle: das auffällige Kind
  3. Rolle: das unsichtbare Kind
  4. Rolle: das Chamäleon
  5. Rolle: das unterhaltsame Kind

(vgl. Lambrou 1990: 140 ff)

Nur Robert Ackermann (1987) ergänzt die Rollen um „den Unverletzten" und ist damit der Einzige, der die Möglichkeit einer gesunden Entwicklung beschreibt.

Die Übernahme einer Rolle stellt kein kalkuliertes Verhalten dar, sondern geschieht langsam und unbewusst aus der Notwendigkeit heraus, dass aus dem Gleichgewicht geratene Familiensystem wieder zu stabilisieren. Nach Monika Rennert entsteht „... jede einzelne Rolle (.) aus einer spezifisch belasteten und schmerzlichen Situation, weist ihre eigenen Symptome auf, bringt ihren spezifischen Gewinn sowohl für das individuelle Familienmitglied als auch die gesamte Familie und fordert schließlich ihren besonderen Preis." (Rennert 1990: 69)

Die Rollenübernahme versteht sich als Überlebens- bzw. Bewältigungsstrategie. Welche Rolle oder Rollenkombination ein Kind einnimmt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, z. B. vom Alter, vom Ge-schlecht, von der individuellen Persönlichkeit und von der Geschwisterkonstellation, wobei es selten zur reinen Übernahme einer dieser Rollen kommt. So werden z. B. häufig von Einzelkindern Teile unterschiedlicher Rollen übernommen, wobei in großen Familien oftmals Rollen doppelt besetzt werden. Auch kann es zu Verschiebungen im Rollensystem kommen: wird das Elternhaus vom Helden-Kind verlassen, übernimmt diese Position das nächstälteste Kind.
(vgl. Bertling 1993: 70 f; Rennert 1990: 69 ff)

Da das Rollenmodell von Sharon Wegscheider in der Literatur am weitesten Verbreitung gefunden hat, dient es hier als Grundlage, die vier unterschiedlichen Rollen, die Kinder in suchtbelasteten Familien einnehmen, zu beschreiben.

Die Rolle des Helden

Die Rolle des Helden wird am stärksten durch die Geschwister-Konstellation bestimmt, in der Regel wird sie von den ältesten Kindern in der Familie übernommen. Die Helden fühlen sich für die Aufgaben verantwortlich, die der alkoholkranke Elternteil selbst nicht mehr wahrnehmen kann. Vor allem, wenn die Mutter abhängig ist, übernehmen diese Kinder oftmals schon im frühen Alter die gesamte Verantwortung für den Haushalt, kümmern sich um die jüngeren Geschwister und um ihre Eltern. Kinder, welche die Rolle des Helden einnehmen werden in der Literatur auch als „kleine Enabler" oder „kleine Muttis" bezeichnet, da sie ähnliche Verhaltensweisen wie die Enabler entwickeln. Die Helden geben der Familie Struktur und Ordnung und sorgen durch ihr umsichtiges und verantwortungsvolles Verhalten dafür, dass die Familie Anlass zu Freude und Stolz hat. Sie verschaffen der Familie ein Gefühl von Wert. Auf diese Weise erfahren sie mehr Zuwendung und positive Aufmerksamkeit, von Seiten der Umwelt, als die anderen Geschwister. Die Helden übernehmen stellvertretende Funktionen von Vater oder Muter, sind sehr stark im Beziehungsdreieck mit den Eltern verstrickt, werden häufig als Ersatzpartner missbraucht und in eine erwachsene Rolle gedrängt.

Auch die Schule bietet diesen Kindern Möglichkeiten erfolgreich zu sein. So zeigen diese Kinder, aufgrund ihrer Strebsamkeit, gute Schul-Leistungen und ein großes Verantwortungsbewusstsein, indem sie z. B. die Aufgabe des Klassen- bzw. Schulsprechers übernehmen. Die Anerkennung und Beliebtheit, die sie erfahren, gibt ihnen Selbstwert.
(vgl. Wegscheider 1988: 112 ff; Rennert 1990: 70)

Die Rolle des schwarzen Schafes

Die Rolle des schwarzen Schafe bzw. des Sündenbocks wird häufig von den zweitgeborenen Kindern übernommen. Da die „positive" Rolle der Helden bereits besetzt ist, übernehmen diese Kinder, im Sinne einer Ausbalancierung der Systemkräfte, die „negative" Rolle des Sünden-Bocks. Die unverantwortlichen Verhaltensweisen der schwarzen Schafe sind komplementär zu dem Verhalten der Helden und können von Einnässen, Schulproblemen, frühen Schwangerschaften bis hin zu kriminellen Handlungen wie Gewalttaten und Drogenkonsum reichen. Als Jugendliche sind sie oft wegen ihrer coolen Art Anführer von Cliquen. In der Literatur wird mehrfach betont, dass diese Kinder durch ihr Verhalten einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Gleichgewichts innerhalb eines Familiensystems leisten, da es ihnen gelingt, von den alkoholbedingten Problemen der Eltern abzulenken und die Aufmerksamkeit, wenn auch im negativen Sinne, auf sich zu ziehen. Die schwarzen Schafe übernehmen somit die Aufgabe, die Familie zu entlasten, indem sie von dem eigentlichen Problem ablenken. Durch die auffälligen Verhaltensweisen der Sündenböcke besteht die Chance, dass z. B. im Rahmen einer Erziehungsberatungsstelle, die Alkoholabhängigkeit und die gesamte belastende Familiensituation offensichtlich werden kann.
(vgl. Wegscheider 1988: 125 ff; Rennert 1993: 32; Arenz-Greiving 2004: 13)

Die Rolle des stillen Kindes

Diese Rolle wird meist von Kindern in der mittleren Geschwisterposition eingenommen, wobei dieses Verhalten stärker durch die Veranlagung festgelegt ist, als andere Rollen. Die stillen Kinder werden auch als vergessene oder verlorene Kinder bezeichnet, denn niemand in der Familie erfühlt ihre kindlichen Bedürfnisse nach Nähe und Anerkennung. Die stillen Kinder passen sich an eine chaotische Situation an, indem sie sich zurückziehen und niemanden in die Quere kommen. Diese Kinder stellen keinerlei Anforderungen an die Eltern bzw. die Familie, bleiben möglichst unauffällig und ziehen weder positive noch negative Aufmerksamkeit auf sich. Die Familie erwartet nichts von ihnen, die Aufmerksamkeit die ihnen zukommt ist sehr gering. Sie sind schüchtern, ruhig und gelten als „pflegeleicht". Diese fügsamen, stillen Kinder arrangieren sich mit immer neuen Situationen und passen sich an diese an. Das passive Verhalten und die Isolation wird auch dazu genutzt, Konflikten aus dem Weg zu gehen sowie Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen zu vermeiden. Der Rückzug schützt die Kinder vor der angespannten familiären Situation und den unkontrollierbaren Reaktionen der Eltern. Als Einzelgänger kümmern sie sich um ihre eigenen Belange und flüchten sich in eine Traumwelt. Sie finden ihre Identität in einzelgängerischen Aktivitäten, wie zum Beispiel Träumen, Lesen und Fernsehen.
(vgl. Wegscheider 1988: 137; Rennert 1990: 73; 1993: 32)

Die Rolle des Clowns

Die Rollen des Clowns oder des Maskottchens nehmen in der Regel die letztgeborenen Kinder ein. „Von den älteren Geschwistern wird es beschützt und fortwährend daran erinnert, dass es nicht nur das jüngste Kind, sondern tatsächlich das Baby in der Familie ist - süß, schwach, klein, unreif, nicht in der Lage, mit den Realitäten des Lebens fertig zu werden." (Rennert 1990: 74)

So werden die Maskottchen nicht ernst genommen und erhalten nur unzureichend Informationen über das, was in der Familie vor sich geht. Um ihre Angst zu kompensieren, spielen sie den Clown, verbreiten Spaß und Humor. Sie sichern sich ihren Platz in der Familie durch Ablenkungs- und Unterhaltungsmanöver. Mit diesem Verhalten sorgen sie für Erleichterung und Spannungsabfuhr in der Familie, wodurch sie von der unterschwelligen depressiven Grundstimmung und familiären Krisen ablenken. Solange sie positive Aufmerksamkeit bekommen, haben sie das Gefühl die Familie unter Kontrolle zu haben, dies gibt ein Gefühl von Sicherheit.
(vgl. Rennert 1993: 32; Wegscheider 1988: 148)

Über die Autorin/den Autor
Alexandra May ist Diplom-Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (FH). Zusätzlich studierte sie Erwachsenenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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