2.2.2 Wahrnehmungsprozess

Wahrnehmungsprozess

Meistens wird die Wahrnehmung im Alltagsverständnis mit akustischen und visuellen Sinnesreizen in Verbindung gebracht. Jedoch sind gerade die taktilen (das Tasten und Berühren), die vestibulären (das Gleichgewicht) und die kinästhetischen Sinne (die Bewegungsempfindungen) für die Grundlagen der Wahrnehmungsentwicklung des Kindes wesentlich. Denn genau diese körpernahen Sinne geben dem Kind Informationen über seinen Körper und seine Umwelt. Die körperferneren Sinne, das Sehen und das Hören, bauen auf diesen sensorischen Erfahrungen auf. Somit werden die visuelle, taktile, auditive, vestibuläre und auch die kinästhetische Wahrnehmung zu einer komplexen Wahrnehmung integriert (Zimmer & Cicurs, 1999, S. 83).

Zimmer und Cicurs (1999, S. 82) erwähnen, dass der Mensch ein gut ausgebildetes Wahrnehmungssystem benötigt, um Informationen aus der Umwelt aufzunehmen und zu verarbeiten. Durch die handelnde Auseinandersetzung des Kindes mit den Gegenständen, Gege-benheiten und Objekten seiner Umwelt, entwickelt sich die Wahrnehmung kontinuierlich. Somit beruht die Wahrnehmung auf unmittelbare Erfahrung und „liefert direkte Kenntnisse über die Umwelt, die über unterschiedliche Informationskanäle aufgenommen wird" (Zimmer & Cicurs, 1999, S. 82). Fischer (2009, S. 63) erwähnt in diesem Zusammenhang, dass das Kind durch den „Wahrnehmungsakt" (Fischer, 2009, S. 63) in Beziehung zu seiner Umwelt tritt und so entdeckt, was die Umwelt anzubieten hat. Daher stellt eine gut funktionierende und differenzierende Wahrnehmung eine wesentliche Vorbedingung für Körpererfahrung dar. Die sinnliche Wahrnehmung ist somit der Zugang zur Welt. Die Wahrnehmung gilt für Kinder als die Wurzeln jeder Erfahrung, durch die sie die Welt für sich jeweils neu wieder aufbauen und verstehen lernen.

Dabei spielt die visuelle Wahrnehmung eine entscheidende Rolle für das Gelingen motorischer Übungen und Aktivitäten. Hier ist insbesondere die Auge-Hand-Koordination hervorzu-heben. Zudem trägt die Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit auch zur Verbesserung der allgemeinen Handlungsfähigkeiten des Kindes bei. Somit kann festgehalten werden, dass die Wahrnehmung und Bewegung unmittelbar miteinander verbunden sind und motorische Aktivitäten und Sinneseindrücke als funktionelle Einheit zu verstehen sind (Zimmer & Cicurs, 1999, S. 81-84). „Das Zusammenspiel verschiedener Sinnesorgane ist für das Bewegungslernen von besonderer Bedeutung" (Zimmer & Cicurs, 1999, S. 82). Das Kind soll einerseits über Bewegung in all seinen Sinnen angesprochen werden und andererseits seinen Körper annehmen und mit ihm lernen umzugehen. Zudem soll das Kind sich selbst als wichtiges Element einer Gruppe erfahren (Zimmer & Cicurs, 1999, zitiert nach Zimmer, 2007, S. 204). Die Verbindung der Wahrnehmung und der Bewegung dienen dem Kind dazu, sich seine Umwelt anzueignen und auf sie einzuwirken. Zugleich wird jedoch auch die Entwicklung der Wahrnehmung und der Bewegung von Umweltanforderungen beeinflusst (Zimmer, 2007, S. 52).

Insbesondere dient das kindliche Spiel als Übung der Wahrnehmungsfunktion. Das Spiel bildet nämlich die Grundlage für ein geordnetes Aufnehmen und Verarbeiten sinnlicher Er-fahrungen, die das Kind auch bei späteren Handlungen und Tätigkeiten, wie zum Beispiel dem Schreiben und Lesen lernen benötigt (Zimmer & Cicurs, 1999, S. 83).
Zimmer (2007, S. 47) erwähnt, dass der Wahrnehmungsverlauf von vielen Faktoren beeinflusst werden kann. So spielen zum Beispiel selbstgemachte Erfahrungen eine wesentliche Rolle. „Gute bzw. schlechte Erfahrungen bestimmen mit, was und wie etwas wahrgenommen wird" (Zimmer, 2007, S. 47). Des Weiteren ist der Wahrnehmungsverlauf auch abhängig von der Aufmerksamkeit des jeweiligen Kindes. Diese könnte sich durch Müdigkeit oder Reizüberflutung des Kindes verändern. Schliesslich spielt das Interesse wie auch die emotionale Befindlichkeit des jeweiligen Kindes ebenfalls eine entscheidende Rolle (Zimmer, 2007, S. 48).

Da die Wahrnehmungsprozesse eine bemerkenswerte Plastizität aufweisen, ist es ein Stück weit möglich, die Wahrnehmung zu trainieren (Zimmer & Cicurs, 1999, S. 82). Dies kann vor allem durch eine ganzheitliche Entwicklungsförderung erreicht werden, bei der alle Sinne angesprochen werden. Brand (1997, zitiert nach Zimmer, 2007, S. 168-189) ergänzt in diesem Zusammenhang, dass alle Teile des Gehirns untereinander in Verbindung stehen und somit jede Stimulation eines Sinnessystems auch zur Aktivierung der anderen Sinne beiträgt. Die ganzheitliche Wahrnehmungsförderung sollte somit auf drei spezifische Ziele der Förderungen beruhen. Einerseits soll das Kind Spass am Erkunden der Umwelt haben, andererseits soll es Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen. Des Weiteren soll das Kind noch Mut zur Bewegung der Anforderungen machen können und diese aufbauen. Diese drei Ziele der Förderung bilden die Basis der Erfahrungen für eine ganzheitliche Wahrnehmungsförderung (Zimmer, 2007, S. 169). Ganz entscheidend hängt der Erfolg der Förderung von der Motivation eines Kindes ab. Denn nur durch die Bereitschaft zur Mitarbeit und die Lust zum Ausprobieren kann eine emotionale Beteiligung des Kindes erreicht werden (Zimmer, 2007, S. 168-169).

Über die Autorin/den Autor
Claudia Bucher schloss 2012 Ihr Lehramt-Studium mit Schwerpunkt Psychomotorik an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz ab.

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