Folgen von Sprachentwicklungsstörungen

Folgen von Sprachentwicklungsstörungen

6.1 Folgen für das betroffene Kind

Folgen der verbalen Entwicklungsdyspraxie

Der Spracherwerb hat großen Einfluss sowohl für die kognitive und schulische als auch für die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern. Aus diesem Grund stellen Störungen des Spracherwerbs ein erhebliches Risiko für die gesamte kindliche Entwicklung dar. Die Sprechfähigkeit bei der verbalen Entwicklungsdyspraxie verbessert sich nur langsam während einer Therapie. „Bei den herkömmlichen Therapien, die bei Kindern mit Artikulationsstörungen angewandt werden, lassen sich oft keine Erfolge erziehen." (Aram, Nation, Child language disorders, S. 165) Bei Kindern, bei denen die Therapie sehr langsam oder gar nicht anschlägt, besteht die Gefahr, dass die Sprachstörung sich mit der Zeit zu einer Sprachbehinderung entwickelt. Diese Kinder weisen unterschiedliche Störungen in anderen Entwicklungsbereichen auf. Diese Störungen wirken sich nachteilig auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes aus. Die Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung umfassen Verhaltensauffälligkeiten, psychische Störungen, sozial-kommunikative Störungen und Lernstörungen. Die Lernstörungen haben wiederrum Auswirkungen auf die Schullaufbahn.

Das mangelnde Selbstwertgefühl des Kindes

Kinder reagieren mit Frustation,weil sie nicht das ausdrücken können, was sie möchten, missverstanden werden oder nicht verstanden werden. Diese Kinder fühlen sich nicht akzeptiert mit ihren Wünschen und Bedürfnissen. (Vgl: Sigrun von Loh, Entwicklungsstörungen im Kindesalter, S. 308) Im Kontakt zu anderen Kindern erleben sie viel Hänseleien und so vermeiden sprachgestörte Kinder eher den Sozialkontakt. Oft ist zu beobachten, dass diese Kinder ein mangelndes Selbstwertgefühl entwicklen, mutlos sind und depressiv oder auch aggressiv reagieren.

Durch die Korrekturen, die das Kind aus der Umwelt erfährt, wird es sich seiner Grenzen im Sprachausdruck und seiner Irrtümer bewusst. Erfährt das Kind immer mehr Kritik, kann es zu einer Blockade führen, zu Flucht und Wut. In Vorschulen werden Kinder mit verbaler Entwicklungsdyspraxie in der Interaktion mit den anderen Kinder gehemmt. In verschiedenen Lebensbereichen sind Kinder mit verbaler Entwicklungsdyspraxie verunsichert. „Als Reaktion auf ihr 'Versagen' zeigen sie oft ein mangelndes Selbstwertgefühl. Eine beeinträchtigte Persönlichkeitsentwicklung kann daraus folgen." (Ayres, Bausteine der kindlichen Entwicklung, 1998). Die Kinder ziehen sich zurück, nehmen nicht aktiv an Beschäftigungen teil und vermeiden den Kontakt mit anderen Kindern.

Lernprobleme bei Kindern mit verbaler Entwicklungsdyspraxie

Die betroffenen Kinder haben inbesondere Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, da sie die Sprache nur eingeschränkt als mentales Instrument für kognitive Prozesse nutzen können. Somit ist auch das schulische Lernen betroffen. Vielen Entwicklungsverzögerten Kindern fällt es schwer, diese an Sprache gebundene Abstraktion zu vollziehen (vgl. Erwin Breitenbach, Tolpatschig und ungeschickt, kindliche Dyspraxien, S. 3). Sehr oft sind Lese- Rechtschreibschwächen bei diesen Kindern zu beobachten. „Bei Defiziten in der phonologischen Verarbeitung, ist die Fähgkeit, Lesen und Schreiben zu lernen, immer in Mitleidenschaft gezogen." (Anne, Schulte-Mäter, verbale Entwicklungsdyspraxie, S. 115)

6.2 Folgen für die Eltern

"Ich bin doch nicht schuld, oder?"

Bin ich als Mutter oder Vater für die Sprachstörung verantwortlich? Diese Fragen stellen sich viele Eltern. Eltern von Kindern mit Sprachauffälligkeiten strengen sich an, die Ursachen der Sprachauffälligkeit zu finden. Ist die Ursache der Störung bekannt, glauben Eltern, die Störung wird behoben. Spätestens dann kommen Ungewissheit auf, wenn es nicht so klappt, wie sie es sich vorstellen. Die Eltern fühlen sich schuldig für die Sprachauffälligkeit des Kindes. Die Eltern nehmen mit der Zeit ihr Kind nicht mehr vollständig an; sie hören nur noch die Sprachauffälligkeit und glauben, in der Erziehung versagt zu haben. Es kann auch vorkommen, dass sie die Sprachauffälligkeit auf andere Leute schieben. Viele Väter bemühen sich, ihr Kind zu verstehen und die
Sprachauffälligkeit zu begreifen. Überwiegend reagieren sie jedoch mit Wut und Ärger, machen sich Gedanken über Vererbungen. „Einige Eltern trösten sich gegenseitig, indem sie sich sagen: „Er ist eh ein Spätentwickler." (Sprachstörungen im Kindesalter, Wolfang Wendlandt, S. 56). Es kann zu Streitigkeiten unter den Eltern kommen, besonders wenn es um die Ursache oder die Erziehung geht. Das Graben nach den Ursachen der Sprachauffälligkeit macht pessimistisch. Deshalb sind viele Eltern gefangen in ihren Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln.

Verunsicherung und Ängste der Eltern

Eltern betroffener Kinder mit verbaler Entwicklungsdyspraxie sind oft unsicher, da die Therapien nur langsam anschlagen. Sie erhoffen sich, dass die Therapie schneller voran geht und erleben große Enttäuschungen. Sie sind verunsichet, welche Art der Förderung ihres Kindes sinnvoll ist und wissen meist nicht, was die Aufgaben der verschieden Therapeuten sind. Einige Kinder mit verbaler Entwicklungsdyspraxie besuchen eine Sprachheilschule, da die ambulanten Maßnahmen nicht immer ausreichend sind. Viele Eltern fürchten den Schritt zur Anmeldung in einer Sprachheilschule. Sie haben Angst, dass ihr Kind lernbehindert wird und fürchten eventuell ihr eigenes Ansehen.

6.3 Folgen in der Gesellschaft

Sich sprachlich verständigen zu können ist die wichtigste Basis des menschliches Zusammenlebens. Die Sprache ist jedoch auch ein kompliziertes und störanfälliges System. Kinder mit Sprachauffälligkeiten werden oft abgestempelt, indem sie ingesamt für lern- und leistungsschwach gehalten werden. Das Kind mit verbaler Entwicklungsdyspraxie wird in der Gesellschaft schlecht verstanden, da seine sprachlichen Äußerungen weitgehend unverständlich sind. Die Geduld zum Zuhören schwindet und Menschen korrigieren das Kind. Eine negative Korrektur der Aussprache hat dann zur Folge, dass das Kind in seiner Sprache gehemmt wird und sich zunehmend unsicherer fühlt. Bereits im Vorschullalter erleben viele Kinder mit verbaler Entwicklungsdyspraxie soziale Ausgrenzung. Niemand will mit ihnen spielen, da diese Kinder „anders" sind. Das Sozial- und Spielverhalten bei diesen Kindern ist beeinträchtigt durch die Unverständlichkeit ihrer Sprache. Werden sie auch noch gehänselt, so ziehen sich die Kinder immer mehr zurück. Diese Kinder sind später auch in der Schule benachteiligt und müssen mit Hänseleien rechnen.

Über die Autorin/den Autor
Diana Saft ist staatlich anerkannte Heilpädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie sammelte bisher Erfahrungen in einem Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, in einem integrativen Kindergarten und in einem deutschen Kindergarten in den USA.

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