Störungen und Förderung der auditiven Wahrnehmung

Störungen und Förderung der auditiven Wahrnehmung

In diesem Artikel erhalten Sie einen Überblick über Störungen der Teilleistungsbereiche der auditiven Wahrnehmung und über entsprechende Fördermöglichkeiten.

Die auditive Wahrnehmung - Einleitung

Bei der auditiven Wahrnehmung geht es darum, Geräusche zu erfassen, zu verarbeiten und wiederzugeben. Die auditive Wahrnehmung eines Menschen ist abhängig von der Aufmerksamkeit, dem Gedächtnis sowie den Emotionen. Sie ist eine Grundlage für den Erwerb der Sprache und kann somit die Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehungen stark beeinflussen (vgl. J. Hammer, 1997, S. 16).
Die Problematik der auditiven Störungen bei Kindern nimmt leider zu, so dass das dieses Thema in den letzten Jahren in der Heilpädagogik immer stärker in den Vordergrund rückte. Insbesondere die Laut-Diskriminierung, die Aufmerksamkeit, die zeitliche Reihenfolge (Sequenz) und die Hör-Merkspanne sind bei Kindern oft auffällig.

Wann ist das Hören beim Kind negativ auffällig?

Nachfolgend sind einige Symptome aufgelistet, die unter Umständen Anzeichen für eine beeinträchtigte auditive Wahrnehmung sein können:

  • Das Kind zeigt rhythmische Auffälligkeiten beim Singen von Kinderliedern, bei Reimen oder Gedichten.
  • Das Kind ist unaufmerksam und kann auch über einen kurzen Zeitraum kaum der Erzieherin zuzuhören (auch bei Interesse des Kindes am Thema).
  • Das Kind hat Schwierigkeiten, Reihenfolgen wiederzugeben.
  • Das Kind lässt sich durch äußere Reize schnell ablenken.
  • Die Richtung, aus der das Gesprochene kommt, kann vom Kind nicht ausfindig gemacht werden.
  • Das Kind hat Schwierigkeiten, räumliche und zeitliche Angaben oder Angaben zu einer Abfolge zu verstehen.
  • Das Kind hat Schwierigkeiten, sich kurze Liedtexte oder Gedichte einzuprägen.
  • Das Kind spricht unmelodisch, undeutlich und/oder verwaschen.
  • Das Kind antwortet auf Fragen gar nicht oder nur verzögert.
  • Das Kind hat Probleme, einer Geräuschquelle zu folgen.
  • Das Kind verdreht mit 5 Jahren noch viele Laute und hat Probleme mit ähnlich klingenden Lauten.
  • Das Kind reagiert empfindlich auf laute Geräusche.

Die Teilleistungsgebiete der auditiven Wahrnehmung und deren Störungen

Modell der auditiven Wahrnehmung nach H. Günther

modell_auditive_wahrnehmung

Für die auditive Wahrnehmung wurden unterschiedliche Modelle entworfen. Dabei wird die auditive Verarbeitung in allen Modellen in verschiedenen Teilleistungsgebiete unterteilt. Das Ziel dieser Modelle ist es, eine Vorstellung zu vermitteln, wie die einzelnen Teilleistungsgebiete in Verbindung stehen.
Das Modell von Günther zeigt, wie komplex die auditive Wahrnehmung ist. Günther bezeichnet sein Modell als funktionelles System, in denen die Teilleistungsgebiete als Knoten eines Gesamtnetzwerkes dargestellt sind. Die auditive Wahrnehmung wird hier in sechs Teilleistungsbereiche aufgegliedert, die sich gegenseitig beeeinflussen. In jedem dieser Teilleistungsbereiche können Störungen auftreten. In den letzten Jahren hat die Problematik der auditiven Wahrnehmungsstörungen bei Kindern zugenommen. Es sind unterschiedliche Symptome beobachtet wurden, doch insbesondere die eingeschränkte Hörspanne, die Laut-Diskriminationsschwäche, Störungen in der Sequenz sowie Unaufmerksamkeit wurden vermehrt diagnostiziert.

Bedeutung und Störung der Teilleistungsgebiete

Die auditive Wahrnehmung kann durch Entwicklungsverzögerungen- oder Störungen der folgenden kortikalen sprach-unspezifischen und sprachlich-spezifischen Verarbeitungsleistungen eingeschränkt sein (vgl. Esser et al. 1987):

  1. Aufnahme und Speicherung
  2. Selektion und Differenzierung
  3. Analyse und Synthese
  4. Integration und Ergänzung

Aufmerksamkeit

Das Kind ist sich fehlender Geräusche bewusst. Bei der Unaufmerksamkeit ist die Aufmerksamkeit akustisch gesört. Die Kinder nehmen alle akustischen Reize auf, können aber nicht gezielt auf ein Geräusch hören.

Lokalisation

Das Kind kann die Richtung und die Entfernung des Geräusches feststellen. Kinder mit Problemen in der Lokalisation wissen nicht, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Sie können Entfernungen nicht abschätzen und sind deshalb besonders im Straßenverkehr gefährdet. Denn hier wissen sie nicht, wie weit ein Auto noch weg ist oder sie hören nicht, aus welcher Richtung sich ein Auto nähert.

Figur/Grund

Dies ist die Fähigkeit, wichtige Informationen von Nebengeräuschen zu unterscheiden. Kinder mit Störungen in diesem Bereich habe Schwierigkeiten, Wörter aus einen lärmenden Hintergrund herauszufiltern und diese zu verstehen. Beispiel: Die Mutter sagt etwas und im Hintergrund tickt relativ laut eine Uhr. Das Kind hat Schwierigkeiten, das Gesagte zu verstehen, da es nicht den (wichtigen) Satz aus dem (unwichtigen) Hintergrundgeräusch herausfiltern kann. Kinder mit ADHS haben häufig Probleme mit der auditiven Figur/Grund-Wahrnehmung.

Diskrimination

"Auditive Diskrimination" ist die Fähigkeit, ähnlich klingende Laute erkennen und unterscheiden zu können. Eine Diskriminationsschwäche kommt bei Kindern relativ häufig vor. Betroffene Kinder haben Schwierigkeiten, ähnlich klingende Wörter wie beispielweise "Kanne" und "Tanne" zu unterscheiden.

Sequenz

"Auditive Sequenz ist" die Fähigkeit, Laute oder Wörter (je nach Entwicklungsstand) in der richtigen Reihenfolge abzuspeichern und wiederzugeben. Kinder mit Problemen in der auditiven Sequenz hören alle Laute und Wörter korrekt, geben diese jedoch nur unvollständig oder verändert wieder.

Synthese/Analyse

Die Synthese/Analys ist die Fähigkeit, aus einem Satz Wörter herauszuhören und aus Wörtern Laute und Silben herauszuhören. Kinder mit Problemen in diesem Bereich können beispielsweise nicht die Anzahl der in einem kurzen Satz gehörten Wörter wiedergeben oder Silben nachklatschen (vgl. H. Günther, 1992, S. 5).

Förderung der auditiven Wahrnehmung in den Teilleistungsbereichen

Nachfolgend sind kurz einige Idee zur Förderung der Teilleistungsbereiche genannt:

Lokalisation

Ein Kind geht vor die Tür und wartet. Ein anderes Kind versteckt irgendwo im Raum einen laut tickenden Wecker. Das Kind draußen wartende kommt wieder hinein und versucht nun den Wecker zu finden. Es geht in die Richtung, aus der das Ticken kommt (vgl. B. Fendrich S. 114).

Diskrimination

Es gibt CDs mit Alltagsgeräuschen, z. B. "Alltagsgeräusche als Orientierungshilfe mit 28 Fotokarten", siehe www.amazon.de. Die CD wird abgespielt und das Kind oder die Kleingruppe soll die Geräusche erraten. Die Fotokarten können als Orientierungshilfe dienen.

Aufmerksamkeit

Ein Becken wird angeschlagen. Alle Kinder gehen im Raum umher, solange der Ton erklingt. Wenn nichts mehr zu hören ist, bleiben die Kinder stehen (vgl. B. Fendrich S. 114).

Figur/Hintergrund

Die Kinder erhalten unterschiedliche orffsche Instrumente. Ein Kind erhält jedoch kein Instrument und seine Augen werden verbunden. Die anderen Kinder spielen alle gleichzeitig ihre Instrumente. Die Pädagogin fragt nun, wo die die Klanghölzer gespielt werden. Das Kind mit den verbundenen Augen muss genau hinhören, um das Klangholz aus der Geräuschkulisse heraushören und die Richtung bestimmen zu können.

Sequenzgedächtnis

Einige Musikinstrumente werden kurz gespielt, z. B. Handtrommel, Triangel, Klangholz und Xylophon. Das Kind soll nun die Musikinstrumente in der gleichen Reihenfolge nachspielen.

Lautsynthese

Die Pädagogin zieht eine Bildkarte, auf der ein Gegenstand zu sehen ist. Das Wort wird ausgesprochen, aber der erste Laut wird von den anderen abgesetzt (z. B. M-aus, H-aus) Das Kind versucht, das Wort zu erraten. Zur Kontrolle wird die Bildkarte gezeigt (B. Fendrich, S. 115).

Literatur

  • Günther, H.: Wahrnehmungsauffällige Kinder in der Grundschule, Klett Verlag 1998
  • Hammer, J.: Sprachstörungen, Edition von Freisleben, Würzburg 1997
  • Fendrich, B.: Sprachauffälligkeiten im Vorschulalter, Juventa Verlag Weinheim und München 2000
Über die Autorin/den Autor
Diana Saft ist staatlich anerkannte Heilpädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie sammelte bisher Erfahrungen in einem Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, in einem integrativen Kindergarten und in einem deutschen Kindergarten in den USA.

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