Heilpädagogischer Abschlussbericht - Ein Beispiel

Heilpädagogischer Abschlussbericht - Ein Beispiel

Ein heilpädagogischer Abschlussbericht wird nach Beendigung einer Einzelintegration oder einer Gruppenintegration erstellt. Dieser Abschlussbericht enthält alle wesentlichen Merkmale des Kindes und fasst die Entwicklungsverläufe der heilpädagogischen Förderstunden zusammen. Der nachfolgende heilpädagogische Abschlussbericht wurde für einen 6-jährigen Jungen erstellt.

Grobmotorik

Findus (Name geändert) besucht einmal wöchentlich frühkindliches Turnen. Dies wirkt sich sehr positiv auf seine Grobmotorik und seine Ausdauer aus. Bei sportlichen Aktivitäten ist er ausdauernd. So ist Findus bei Wettspielen oft der Erste oder Zweite. Eine Rolle vorwärts führt er korrekt aus. Findus kann vorwärts und rückwärts balancieren. Beim Einbeinstand kann er auf einem Bein ca. 20 Sekunden stehen. Bälle, die ihm aus 3-4 Metern Entfernung zugeworfen werden, kann er problemlos fangen. Im Garten bevorzugt Findus das Klettern auf Bäumen, das Schaukeln und das Roller fahren. Er bewegt sich gern und beteiligt sich an Bewegungsangeboten mit vollem Einsatz.

Feinmotorik

Findus' feinmotorische Fähigkeiten sind nun altersgerecht entwickelt. Beim Ausmalen achtet er auf die Begrenzungslinien ein, die Stiftführung ist richtig. Zur Zeit malt er gern Bilder, auf denen mehrere Objekte erkennbar sind (z.B. Haus-Baum-Sonne-Bilder). Dabei führt er die Bewegungen mit einem angemessenen Kraftaufwand aus. In einer Sprachheilkur, die Findus von Anfang April bis Ende Mai 2010 besuchte, lernte Findus das Zahlenland kennen und kann nun auch schon die Zahlen bis 10 schreiben. Beim Schreiben konnte eine eindeutige Seitigkeit festgestellt werden.

Das Ausschneiden konnte während der Sprachheilkur ebenfalls verbessert werden. Vor dieser Kur hielt er das Blatt noch etwas ungeschickt, doch jetzt bereitet ihm das Ausschneiden viel Freude und er achtet darauf, an der Linie entlang zu schneiden. Findus zeichnet sich insgesamt durch eine gute visuell/motorische Koordinationsfähigkeit aus.

Bewegungsplanung / Körperschema

Während der Sprachheilkur erhielt Findus auch Ergotherapie. Dort wurde u.A. an der Verbesserung der Körperwahrnehmung gearbeitet. Das Körperbild wurde durch verschiedene Übungen und durch spielerische Aufgaben deutlich verbessert. Die Körperteile kann er nun exakt benennen. Wenn Findus sich selbst malt, malt er ein Männchen, bestehend aus 6-7 Teilen. Findus liebt es, Bewegungen von Tieren und Menschen nachzuahmen. Hier zeigt er großes Interesse und ist mit vollem Körpereinsatz dabei. Er kann seine Köpermittellinie überkreuzen. Beim Essen mit Messer und Gabel verwendet er beide Hände zweckmäßig.

Wahrnehmung

Visuelle Wahrnehmung

Bezüglich der visuellen Wahrnehmung ist Findus altersentsprechend entwickelt. Findus kann die Farben erkennen und benennen. Einfache Formen (Kreis, Rechteck, Dreieck etc.) kann er erkennen, benennen und teilweise auch zeichnen. Bilddetails erkennt Findus sehr gut und kann sie auch differenziert beschreiben. Beim Puzzeln sucht er sich gerne Puzzle mit vielen Teilen aus. Hier zeigt er besonderes Interesse für Auto- oder Trickfilm-Puzzle.

Seine räumliche Orientierung hat sich verbessert. Er findet sich jetzt räumlich gut zurecht, kann Begriffe wie "vor", "hinter", "unter", "neben", "oben", "links", "rechts" etc. unterscheiden.

Akustische Wahrnehmung

Findus' akustische Wahrnehmung hat sich verbessert. Er kann inzwischen dreiteilige Aufträge befolgen. Findus ist in der Lage, konzentriert zuzuhören, wenn Geschichten vorgelesen werden. Er lässt sich jedoch von anderen Kindern leicht ablenken.

Findus kann Geräusche erkennen, zuordnen und lokalisieren. Kurze Liedtexte und Gedichte kann er sich einprägen und wiedergeben. Er singt sehr gerne auch selbst ausgedachte Lieder oder verfremdet Liedtexte. Einfache Rhythmen mit 3-5 Teilen kann er nachklatschen. Dies wird zurzeit in der Gruppe gelernt. In der Sprachheilkur lernte Findus Reimwörter wie "Haus - Maus" kennen. Diese Wortspiele liebt er und erzählt sie gerne den anderen Kindern.

Kognition und Merkfähigkeit

Findus kann sich Wortreihen aus maximal 3-4 Wörtern merken (z. B. bei dem Spiel "Kofferpacken"). Beim Nachsprechen von Zungenbrechern ist er mit Begeisterung dabei. Er kann sich kurze Sätze einprägen und diese wiedergeben. Kleine Farbabfolgen kann er nachlegen. Dies konnte bei Spielen wie "Make a Break" beobachtet werden. Wenn ein Gegenstand aus einer Reihe weggenommen wird, weiß Findus, welcher Gegenstand fehlt. Beim Memory-Spiel zeigt er ein gutes visuelles Gedächtnis. Außerdem verfügt er über gute mathematische Kenntnisse. Das Zählen beherrscht er bis 20. Er erkennt bei Spielen die Anzahl der Würfelpunkte und rückt die gewürfelte Zahl. Objekte kann er nach zunehmender und abnehmender Länge ordnen. Die Begriffe "mehr als", "weniger als", "viel", "etwas" etc. versteht Findus und kann sie auch umsetzen. Er beherrscht einfaches Addieren im Zahlenraum bis 5 (z. B. 2+3 Gummibärchen).

Findus kann eine einfache Bildergeschichte (3-5 Bilder) in der richtigen Reihenfolge legen.

Derzeit üben wir in der Gruppe, Angaben über die Familien und Wohnorte der Kinder zu machen. Findus kennt seine Straße und Hausnummer und kann auch Angaben über seine Familie machen.

Erweiterung der Konzentrationsspanne

Findus ist ausdauernd im Spiel und lässt sich während des Spiels kaum ablenken. Er bringt Spiele meist zu Ende, bevor er etwas Neues beginnt, und räumt es nach Aufforderung auch auf. Bei Vorlesegeschichten ist seine Ausdauer wechselnd. Meist kann er für eine kurze Zeit zuhören und auch still sitzen bleiben. Die Sprachheilkur und die ergotherapeutische Förderung haben Findus auch hier geholfen. Zuvor ließ er sich eher von anderen Reizen ablenken. Durch die positive Verstärkung in den Übungen sowie Hinweise und Ratschläge konnte sich Findus immer öfter über einen längeren Zeitraum konzentrieren und sich ausdauernd und selbständig beschäftigen. Durch die Materialvielfalt wurde die Reizaufnahme bei Findus verstärkt. Seit Findus wieder den Kindergarten besucht, konnten wir feststellen, dass sich Findus' Defizite in der Konzentration sowie in der Handlungsplanung deutlich verringert haben.

Spracheentwicklung

Vor dem Besuch der Sprachheilkur zeigte Findus ein erhöhtes Sprechtempo, eine fehlerhafte Verwendung von bestimmten und unbestimmten Artikeln, Verbflexionsfehler sowie Defizite in den Sprech- und Gesprächsregeln. Das Hauptziel der logopädischen Behandlung lag in der Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten (Verbesserung auf morphologisch-syntaktischer Ebene) und in der Vermittlung von Sprech- und Gesprächsregeln (Förderung der Erzählfähigkeit). Findus arbeitete dort in festen Gruppen und erhielt täglich spezielle logopädische Einzeltherapien.

Nach Aussage der Therapeuten nahm Findus die Spracharbeit sehr gut an und beteiligte sich aktiv an den Therapien und löste die ihm gestellten Aufgaben. Die Abschlusseinschätzung der Sprachheilkur zeigt, dass sich Findus Kommunikationsfähigkeit deutlich verbessert werden konnte. Er redet jetzt langsam und deutlich und hält sich an die Sprechregeln. Je nach Tagesform ist Findus in der Lage, sich in einfachen korrekten S-P-O-Satzstrukturen (S-P-O = Subjekt-Prädikat-Objekt) zu äußern. Eine Erhöhung der Grundkenntnisse konnte durch das Arbeiten in den semantischen Feldern erreicht werden. In der Verwendung von bestimmten und unbestimmten Artikeln wird Findus zunehmend sicherer. Die Empfehlung einer logopädischen Behandlung ist für einmal wöchentlich angebracht und wird zurzeit in unserer Kindertagesstätte sowie außer Haus durchgeführt.

Sozialverhalten

Findus hält sich an Absprachen, Regeln und Rituale und muss nur sehr selten an die Gruppenregeln erinnert werden. Entstehende Konflikte versucht er überwiegend verbal zu lösen. Wenn Schwierigkeiten auftreten oder er Unterstützung braucht, sucht er den Kontakt zur Erziehung auf. Findus kann seine Gefühle und Bedürfnisse verbal sowie nonverbal ausdrücken und ist in der Lage, sich in die Lage anderer Kinder zu versetzen. Er kann seine eigenen Bedürfnisse in der Gruppe teilweise zurückstellen. Dies ist tagesform- und themenabhängig. In der Gruppe hat Findus einen festen Freund und knüpft Kontakt zu anderen Kindern in der Gruppe. Er wird häufig als Spielpartner gewählt und kann meistens mit den anderen Kindern kooperieren. Eine vorübergehende Trennung von der Bezugsperson stellt für ihn kein Problem dar. Findus findet schnell Kontakt zu anderen Erwachsenen.

Emotionale Entwicklung

Findus reagiert auf neue Situationen zuversichtlich, schlüpft zu Beginn meistens in die Beobachterrolle. Inzwischen hat er auch gelernt, bei Misserfolgen nicht gleich aufzugeben. Er hat gelernt, mit Misserfolgen umzugehen. Findus Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat sich deutlich gebessert. Er bittet uns nur noch selten um Hilfe.

Wiedereingliederung in der Kindertagesstätte ohne heilpädagogische Förderung

Aufgrund der guten Entwicklung nach der Sprachheilkur durchläuft Findus seit Ende Mai eine Probephase zur Wiedereingliederung in der Kindertagesstätte ohne zusätzliche heilpädagogische Förderung. Eine logopädische Behandlung einmal pro Woche ist weiterhin empfehlenswert, um die S-P-O-Satzstrukturen sowie die Verwendung von bestimmten und unbestimmten Artikeln weiter zu trainieren. Seit August erhält Findus wieder Ergotherapie. Diese wird einmal pro Woche durchgeführt. Mit dieser Hilfe kann Findus seine Konzentrationsspanne sowie seine Handlungsplanung weiter verbessern.

Über die Autorin/den Autor
Diana Saft ist staatlich anerkannte Heilpädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie sammelte bisher Erfahrungen in einem Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, in einem integrativen Kindergarten und in einem deutschen Kindergarten in den USA.

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