Aggressive Kinder und die Wut der Erwachsenen

Aggressive Kinder und die Wut der Erwachsenen

Vor HeilpädagogInnen, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen hielt ich unlängst einen Vortrag über die Entwicklungsinteressen von Kindern, die sich aggressiv verhalten. Zentrales Thema war die Überlegung, was Kinder brauchen, um sich friedlich miteinander zu arrangieren.

(Von Dipl.-Psych. Anton Hergenhan)

Im Verlauf dieses Vortrags meldete sich eine Erzieherin und stellte laut wie betroffen die Frage, ob man auch darüber nachdenken könne, was Pädagogen brauchen, um angesichts kindlicher Aggressionen seelisch zu überleben. Die Betreuung von Kindern, die aggressiv in Erscheinung treten, stresst oft extrem, nicht selten fühlt man sich völlig am Ende. Total gefrustet kommt man heim und hat zu nichts mehr Lust.

Das war eine ganz brisante Frage: Was brauchen also PädagogInnen, wenn sie beispielsweise Kinder bei den Hausaufgaben oder beim Spielen beaufsichtigen und erleben, dass diese mit Schimpfwörtern um sich werfen und vielleicht sogar zuschlagen?

Wir kamen in einer ehrlichen Diskussion auf folgendes Ergebnis: Es wäre viel gewonnen, wenn die pädagogischen Fachkräfte sich selbst die Erlaubnis erteilten, emotional auf die Verhaltensprobleme der Kinder zu reagieren. Oft meinen Betreuer, sie müssten „über der Sache stehen“, souverän sein und so tun, als hätten sie sich „gefühlsmäßig im Griff“. Meine Kolleginnen gestanden mir, dass sie das total fertig mache: Ständig die Liebe, die Verständnisvolle und fachlich Versierte sein müssen! Das überfordere oft am meisten.

Ich kann das gut nachvollziehen. Aus meiner eigenen Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern weiß ich, dass wir Betreuer keine Supermänner bzw. keine Superfrauen sind. Wir haben Gefühle, geraten in Wut und resignieren manchmal. Auch Eltern gestehen mir immer wieder, dass sie auf ihre Kinder wütend werden, wenn diese „austicken“ und „rumspinnen“.

Wir tun gut daran, mit unserer Wut ehrlich umzugehen. Dazu gehört Vorsicht. Denn manchmal verleiten Wut und Ärger zu harten Worten, die man nachher vielleicht bereut. Ich musste mich schon einige Male bei Kindern entschuldigen, wenn ich einen Fehler gemacht habe.

Ich möchte unserer möglichen Wut im pädagogischen Alltag auch etwas Wertvolles abgewinnen. In der täglichen heilpädagogischen Arbeit erlebe ich oft, dass verhaltensauffällige Kinder die Emotionen der Betreuer schätzen. Und zu diesen Emotionen gehören nicht nur Freude und Zufriedenheit, sondern manchmal eben auch Wut und Ärger. Kinder orientieren sich leichter, wenn die Erwachsenen an ihren Gefühlen erkennbar werden. Das kann enge Nähe erzeugen. Ich habe oft erfahren, dass Kinder meine Nähe suchten, wenn sie mich emotionalisiert wahrnehmen konnten. Wenn ich mal laut geworden bin und mein „Austicker“ abgeklungen ist, fassten sie mich am Arm, suchten das Gespräch mit mir und wollten in Tuchfühlung mit mir kommen. Da durfte ich spüren: Emotionale Authentizität und Echtheit können die Kinder als großen Reichtum verwerten.

Die Wut kann Zeugin dieser Echtheit sein. In meinem Buch "Aggressive Kinder? Systemisch heilpädagogische Lösungen" plädiere ich mehrmals für diese Echtheit.

Die oben erwähnte Frage der Kollegin, was denn Pädagogen unbedingt brauchen, möchte ich abschließend aufgreifen.

Zu einer tauglichen Antwort gehört die Zusicherung: Wir als Betreuer brauchen unbedingt den Mut zu Gefühlen, auch zu starken Gefühlen, mit denen wir uns manchmal abgrenzen und deutlich signalisieren, dass und was uns nicht passt.

Mit dieser Haltung geht es mir mittlerweile bestens.

Autor dieses Beitrags: Dipl.-Psych. Anton Hergenhan, Leiter einer Heilpädagogischen Tagesstätte für verhaltensauffällige Kinder in München, Buchautor, erreichbar unter: anton.hergenhan@web.de

Über die Autorin/den Autor
Diana Saft ist staatlich anerkannte Heilpädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie sammelte bisher Erfahrungen in einem Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, in einem integrativen Kindergarten und in einem deutschen Kindergarten in den USA.

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