Wird bald mehr Ritalin verschrieben?

Laut dem Thuner Kinderpsychiater Christian Ziegler nimmt der Druck der Thuner Schulen zu, hyperaktiven Kindern Ritalin zu verschreiben.

Der Druck der Schulen, hyperaktive Kinder mit Ritalin zu behandeln

Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), die zusammen mit dem Medikament Ritalin zurzeit die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zieht, ist auch in Thun ein Thema: «Der Druck der Schulen, hyperaktive Kinder mit Ritalin zu behandeln, hat meines Erachtens zugenommen», sagt der Thuner Kinderpsychiater Christian Ziegler. Grund: Die Schulen steckten in der Zwickmühle, weil sie mit widersprüchlichen gesellschaftlichen Forderungen konfrontiert seien. Vom Erziehungsdepartement würden sie immer wieder mit Reformen eingedeckt. «Die Schulen können so nicht in Ruhe arbeiten.»

Auch Kinder- und Jugendpsychiaterin Neleane Kobus von der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Poliklinik Thun bestätigt, dass sie mehr Ritalin verschreibe als früher. Sie sagt: "Es gibt Lehrer, die Unverständnis äussern, wenn ich bei einem angemeldeten Kind keine Hyperaktivitäts-Störung feststelle.2

Stören des Unterrichts

Viele Eltern wollen ihrem Kind kein Ritalin geben», sagt Liselotte Graf, Präsidentin der Schulleitungskonferenz und Lehrerin an der Primarschule Dürrenast. "Ich kann das gut verstehen." Sie gibt aber zu bedenken, dass ein bis zwei hyperaktive Kinder ausreichten, um den Unterricht zu stören. «Mehrere können den ganzen Betrieb lahmlegen", sagt sie. Pro Klasse weise etwa ein Kind ADHS auf, die Dunkelziffer sei aber höher. "Die Abklärung ist schwierig, weil die Störungen auch andere Ursachen haben können."

Ohne Ritalin?

Karin Bernard, Kleinklassenlehrerin an der Primarschule Dürrenast, findet, dass hyperaktive Kinder unter bestimmten Umständen auch ohne Medikamente auskommen können. "Man muss ihnen die nötige Aufmerksamkeit und Strukturen geben», sagt sie und ergänzt: "In kleinen Klassen geht das besser als in Regelklassen." Das Positive an Kindern mit ADHS-Störung sei, dass sie besonders kreativ und initiativ seien. 2Sie können die Klasse auch antreiben."

Der Kinderpsychotherapeut Christian Ziegler sagt: "Meistens ist die Frage nicht, ob man Medikamente gibt, sondern wie." Ritalin habe einen kreativen Einschränkungseffekt, der manchmal wünschenswert sei, sodass Kinder zum Beispiel nicht mehr sozial ausgegrenzt würden. Nicht alle sprächen aber auf Ritalin an.

Nicht mehr tragbar

"Der Bund" und der "Tages-Anzeiger" machten kürzlich publik, dass hyperaktiven Kindern in Zürich mit einem Ausschluss von Schullagern gedroht wurde, sofern sie kein Ritalin einnehmen würden. Grund war, dass diese Kinder in Lagern verletzungsgefährdeter seien.

"Solche Fälle sind mir in Thun nicht bekannt", sagt Liselotte Graf, "zu diesem Vorgehen könnte ich nicht stehen." Auch Kinderpsychiaterin Neleane Kobus bestätigt, dass ihr derartige Drohungen nicht zu Ohren gekommen seien. Aber: "Es kommt vor, dass hyperaktive Kinder in der Schule nicht mehr tragbar sind."

Verfügung für Kleinklasse

Peter Schöni, Schulleiter der Primarschulen Allmendingen, Dürrenast und Neufeld, bestätigt dies: "Wir haben einige hyperaktive Schüler, meistens Knaben, deren Verhalten zu wünschen übrig lässt." Bei schweren Fällen komme es zu einer Auszeit: "Wenn sich die Eltern nach Gutachten einer Fachinstanz sträuben, ihr Kind in eine Kleinklasse oder Sonderschule zu versetzen, erfolgt eine Anhörung. Anschliessend gibt es eine entsprechende Verfügung mit Rechtsmittelbelehrung. Daraufhin können die Eltern innert dreissig Tagen beim zuständigen Schulinspektorat Rekurs einreichen", erklärt er. Mit der Aufhebung der Kleinklassen im Sommer werde dieses Problem aller Voraussicht nach entschärft.

Quelle: Thuner Tagblatt, vom 06.05.2009

Über die Autorin/den Autor
Diana Saft ist staatlich anerkannte Heilpädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie sammelte bisher Erfahrungen in einem Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, in einem integrativen Kindergarten und in einem deutschen Kindergarten in den USA.

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