Interventionsmaßnahmen in einer Krisensituation

 Interventionsmaßnahmen in einer Krisensituation

Um Interventionsmaßnahmen während einer Krisenzuspitzung nicht unbeachtet zu lassen, wird an dieser Stelle in Kürze eine Auswahl an Möglichkeiten dargestellt.

Entlastung spielt auch in der Krisenintervention mit Menschen mit Autismus eine herausragende Rolle. Nur ist es häufig sehr schwierig diese adäquat schnell zu erreichen, wenn nicht klar ist, wo die Ursache zu suchen ist und die betroffene Person selbst sich bei der Suche nicht beteiligen kann. Oberstes Ziel ist es, die Alltagskontinuität so schnell wie möglich wieder herzustellen und eine intensive und schnell wirksame Hilfe anzubieten. In erster Linie sollten körperliche Ursachen ausgeschlossen beziehungsweise bei Bedarf behandelt werden. Anschließend muss nach den relevanten Umweltfaktoren gesucht werden, die eine starke Belastung für den in der Krise befindlichen Menschen mit Autismus darstellen. Diese werden sodann wenn möglich in zumutbarem Umfang für alle Betroffenen und Beteiligten verändert beziehungsweise werden Hilfen gegeben, die eine Anpassung an die unveränderlichen Gegebenheiten ermöglichen. (vgl. Albertowsi (2009), S. 465ff)

Prinzipiell lässt sich der Aufbau der Krisenintervention für und mit Menschen mit Autismus folgendermaßen gliedern:

  • Kontaktaufnahme,
  • Analyse der Krisensituation,
  • Planung und Durchführung der Intervention und
  • abschließende Verlaufsbeobachtung.

Die Kontaktaufnahme dient mittels Gesprächen zur ersten Entlastung aller Beteiligten, zur Situationserfassung und Einschätzung. Mit einer folgenden Analyse werden alle möglichen Ursachen, Auslöser und die Krisensituation an sich eingeschätzt und es werden alle relevanten Daten zur Person mit Autismus erhoben, um ein Verständnis für die Funktion des Verhaltens zu erarbeiten. Interventionsstrategien richten sich schließlich auf die Ursachen und Funktionen des gezeigten Verhaltens der betroffenen Person aus. Als erste mögliche Maßnahme könnte eine räumliche Umgestaltung entlastend wirken. Oder die Anpassung bestimmter Möbel an alltägliche Gegebenheiten, in denen Krisen zu erwarten sind. (vgl. ebd.)

In weiterer Perspektive können verhaltenstherapeutische Maßnahmen sinnvoll sein, zum Aufbau eines alternativen, tolerablen Verhaltens des Betroffenen. Visuelle Strukturierungsmaßnahmen helfen Raum, Zeit und Aufgaben überschaubar zu gestalten, Orientierung zu schaffen, Sicherheit zu vermitteln und somit die Reduktion von Anspannung zu ermöglichen. Weitere längerfristig andauernde Maßnahmen sind der Aufbau von Hilfen zur Kommunikation und Training von sozialen Fertigkeiten. Im Notfall kann auch die psychopharmakologische Medikation unter ärztlicher Aufsicht sinnvoll sein. (vgl. ebd.)

Weiterhin gibt es eine radikale Maßnahme, die sofort Wirkung erzielt aber einer richterlichen Anordnung bedarf: das Fixieren der Person in Fällen von lebensbedrohlichen Selbst- und Fremdverletzungen. Als letztes Mittel der Wahl und nur bei bestimmten Indikationen, wie der Verdacht oder das Vorliegen einer psychischen Erkrankung, bei schweren Aggressionsformen und nur in Ausnahmefällen zur kurzzeitigen Entlastung von Bezugspersonen, kann eine stationäre Unterbringung in der Psychiatrie angeraten werden. Die Dauer des Aufenthalts sollte in jedem Fall möglichst kurz sein und im Vorfeld genau überdacht werden. Allerdings können Krisen den Anlass geben, eine langfristige stationäre Perspektive zu planen, vor allem dann, wenn Bezugspersonen wegen nachhaltigen Erschöpfungszuständen, der Schwere der Behinderung und den steigenden Anforderungen der Betreuung von Menschen mit Autismus nicht mehr gerecht werden können. In solchen Fällen stellt die Psychiatrie nicht die erste geeignete Form der Unterbringungsmöglichkeit dar. (vgl. ebd.)

In jedem Fall ist es ratsam sich an entsprechend ausgebildete Fachkräfte zu wenden, die die betroffene Person mit Autismus und ihr involviertes soziales Umfeld professionell begleiten und anleiten. Eine solche intensive psychosoziale Unterstützung ist sowohl für den in der Krise befindlichen Menschen mit Autismus als auch für deren Bezugspersonen sinnvoll. Sie werden über zeitnahe mögliche Unterstützungsangebote für den Alltag und für den Betroffenen selbst informiert und sie erhalten bei Bedarf eine das häusliche Umfeld aufsuchende Unterstützung in Form niederschwelliger Hilfen. (vgl. ebd.)

In stationären Wohneinrichtungen und gerade beim Einzug eines neuen Bewohners mit Autismus kann es regelmäßig zu Krisenzuspitzungen kommen. Der neue Mitbewohner kommt aus festen, klaren und verlässlichen Strukturen, mit Regeln, an die er sich halten konnte und vertrauten Menschen in seinem Umfeld. Plötzlich aber befindet er sich ab sofort in einer fremden Umgebung, in der alles vollkommen anders ist als er es bisher kannte und gewohnt war, in der unbekannte Menschen, Geräusche, Gerüche und optische Einflüsse sind. Nichts funktioniert mehr wie bisher. Alles ist neu und angsteinflößend. (vgl. Scho (2010), S. 12) Die Fachkräfte in einem solchen und in ähnlichen Bereichen müssen sensibel auf die Individualität der einzelnen Bewohner mit Autismus eingehen und Strukturen schaffen, die sich an dem ganz persönlichen Persönlichkeitsbild ausrichten. (vgl. ebd. S. 15)

Auch an dieser Stelle soll ein Bezug genommen werden zu den innerpsychischen Ressourcen eines Menschen mit Autismus, die mobilisiert werden können, wenn die Begleitung und Unterstützung individuell stimmig ist:

„Viel Verständnis für das individuelle Verhalten von Menschen mit einer autistischen Behinderung, viel Geduld und Anforderungen, denen mein Gegenüber gewachsen ist, können Veränderungen bewirken. Gelingt es uns in Angstsituationen Sicherheit zu vermitteln, erreichen wir den autistisch behinderten Menschen, und es entwickelt sich bei ihm eine Bereitschaft, etwas Neues anzunehmen." (Scho (2010), S. 12)

Über die Autorin/den Autor
Katja Driesener schloss 2012 ihr Bachelor-Studium Heilpädagogik erfolgreich ab. Sie betreut im Rahmen der Einzelfallhilfe Kinder mit Autismus innerhalb ihrer Familien und ist als Schulhelferin tätig. Im Autismus-Bereich bildet sie sich intensiv weiter. Vor dem Studium absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin.

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