Resilienz und Salutogenese bei Menschen mit Autismus

Resilienz und Salutogenese bei Menschen mit Autismus

Im Allgemeinen bezeichnet Resilienz die Fähigkeit des Menschen, Krisen im Lebensverlauf mit Hilfe der eigenen persönlichen und sozialen Ressourcen zu bewältigen und diese als Entwicklungsanstoß nutzbar zu machen. Diese Ressourcen werden als protektive Faktoren beschrieben. Gemeint sind konkret stabile soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen, soziale Fertigkeiten, die es einem ermöglichen, sich selbst Unterstützung durch Bezugspersonen zu verschaffen, eine Reflexions- und Ausdrucksfähigkeit von Emotionen und flexible Problemlösestrategien zur Bewältigung von Schwierigkeiten, Problemen und Krisen. Menschen mit Autismus haben selten die Möglichkeit von sich aus über solche alternativen und flexiblen Anpassungsstrategien zu verfügen. Somit können Überforderungserlebnisse in Belastungssituationen mit starren dysfunktionalen Strategien und einer niedrigen Grenze für Kompensationsmöglichkeiten schnell zu krisenhaften Zuspitzungen führen. (vgl. Bölte (2009), S. 291, 465)

Allerdings kann bei Menschen mit Autismus von resilientem Verhalten durchaus gesprochen werden, wenn es unter Beachtung einer Ressourcenorientierung darum geht, mit ihnen gemeinsam klare Strukturen herzustellen, so dass sie diese nutzen können, um sich zu orientieren und sicher zu fühlen. Auch die Nutzung von Unterstützung und Begleitung bei der Handhabung eigener und fremder zur Verfügung stehender Ressourcen, können eine erfolgreiche Anpassung oder einen erfolgreichen Umgang mit derartigen Situationen und Erholungsprozesse von belastenden Situationen begünstigen. (vgl. Fthenakis (2001))

„Je klarer die Regeln bestimmt sind und je mehr Vorwissen über Personen und Situationen besteht, desto einfacher und sicherer beherrschbar werden die jeweiligen sozialen Interaktionssituationen für autistische Personen“ und somit auch die zu bewältigenden Schwierigkeiten und Hindernisse. (vgl. Autismus Deutschland e.V.: Entwicklung und Prognosen (o.J.))

Das Verständnis von Resilienz ist dem Konzept der Salutogenese sehr nahe. Um es mit einem Zitat auf den Punkt zu bringen: „Die Pathogenese hat sich darauf spezialisiert, Krankheiten zu kurieren […] - während die Salutogenese sich um die Gesundheit sorgt: sie versteht unter Gesundheit das Vorhandensein von Lebensqualitäten.“ (Eichhorn (o.J.), S. 2)

Harmonie, Lebensfreude und Zufriedenheit sind die Kernelemente, die es aufrechtzuerhalten, wiederherzustellen und zu steigern gilt. (vgl. ebd., S. 3) Das Konzept der Salutogenese geht auf die Suche nach intra- und interpersonellen Ressourcen eines Menschen. Im Mittelpunkt für Gesundheit steht neben dem Kohärenzgefühlt ein starkes Hoffnungsmoment, das als auf Veränderung zielende Kraft verstanden werden kann. Sie vermindert eine allgemeine Abwehr und Angsthaltung vor Veränderungen und ermöglicht mehr Gelassenheit bei Belastungen.

Zur Erinnerung: Die zentrale Kohärenz ist bei Menschen mit Autismus in der Regel gestört, was sich in einer eingeschränkten Planungs- und Strukturierungsfähigkeit und einem gestörten Verständnis von Gesamtzusammenhängen einer Situation zeigt. Die Fixierung auf Details und Einzelheiten verhindern Orientierung und Aufbau von Struktur auch im emotionalen und sozialen Kontext. Ein Gefühl für Zusammenhalt und Vertrauen in sich selbst und in andere ist grundlegend nicht vorhanden. Dennoch gibt es auch in jedem Menschen mit Autismus mindestens geringe Faktoren, die Gesundheit bedingen und erhalten. Salutogenese hieße dann zunächst, kreative und ermutigende Begleitung zu ermöglichen, um eigene Wege und Möglichkeiten suchen und finden zu können. Gemeinsam findet man einen kommunikativen Zugang zueinander, so ungewöhnlich er auch sein mag. Als nicht-autistischer Begleiter sollte man sich einlassen können auf die Interessen des Menschen mit Autismus. In Bezug auf das Kohärenzgefühl können diese bedeutsamen Ressourcen mit viel Übung und Geduld und durch eine stabile vertrauensvolle Bindung zu Bezugspersonen erlernt und erhalten werden. (vgl. Schiffer (2011)) Im Besonderen bei Menschen mit Autismus ist eine enge, kontinuierliche und stabile Begleitung für das Etablieren sinnvoller und konstruktiver Handlungsmöglichkeiten für das Verhindern und Überstehen von Krisensituation grundlegend.

Über die Autorin/den Autor
Katja Driesener schloss 2012 ihr Bachelor-Studium Heilpädagogik erfolgreich ab. Sie betreut im Rahmen der Einzelfallhilfe Kinder mit Autismus innerhalb ihrer Familien und ist als Schulhelferin tätig. Im Autismus-Bereich bildet sie sich intensiv weiter. Vor dem Studium absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin.

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