Heilpädagogischer Abschlussbericht - Ein Beispiel
Samstag, den 09. Oktober 2010 um 09:40 Uhr
In einem heilpädagogischen Abschlußbericht wird nach Beendigung der Einzelintegration oder auch Gruppenintegration ein Abschlussbericht verfasst. Dieser Abschlussbericht enthält alle wesentlichen Merkmale des Kindes und fasst die Entwicklungsverläufe der heilpädagogischen Förderstunden zusammen. Hier ist ein Beispiel eines heilpädagogischen Abschlussberichtes eines 6 jährigen Jungen.
Heilpädagogischer Abschlussbericht
Grobmotorik
Findus (Name ist anonymisiert) besucht einmal wöchentlich frühkindliches Turnen. Dies wirkt sich sehr positiv auf seine Grobmotorik und seine Ausdauer aus. Bei sportlichen Aktivitäten ist er ausdauernd. So ist Findus bei Wettspielen oft der Erste oder Zweite. Eine Rolle vorwärts führt er korrekt aus. Findus kann vorwärts und rückwärts balancieren. Beim Einbeinstand kann er auf einem Bein ca. 20 Sekunden stehen. Bälle aus 3-4 Metern kann er problemlos fangen. Im Garten bevorzugt Findus das Klettern auf Bäumen, schaukeln und am liebsten Roller fahren. Findus bewegt sich gern und beteiligt sich an Bewegungsangeboten mit vollem Einsatz.
Feinmotorik
Findus feinmotorische Fähigkeiten sind nun altersgerecht entwickelt. Beim Ausmalen hält er die Begrenzungslinien ein, die Stiftführung ist korrekt. Zur Zeit malt er gerne Bilder, auf denen mehrere Objekte erkennbar sind (z.B. Haus-Baum-Sonne Bilder). Dabei führt er die Bewegungen mit einem angemessenen Kraftaufwand aus. In seiner Sprachheilkur lernte Findus das Zahlenland kennen und kann nun auch schon die Zahlen bis 10 schreiben. Beim Schreiben konnte eine eindeutige Seitigkeit festgestellt werden.
Das Ausschneiden konnte während der Sprachheilkur in verbessert werden. So hielt er zu Beginn das Blatt noch etwas ungeschickt. Jetzt bereitet ihm das Ausschneiden viel Freude und er achtet darauf, an der Linie entlang zu schneiden. Findus zeichnet sich insgesamt durch eine gute visuell/motorische Koordinationsfähigkeit aus.
Bewegungsplanung / Körperschema
Findus war in der Zeit von April bis Ende Mai 2010 zur Sprachheilkur und erhielt dort Ergotherapie. In der Ergotherapie wurde u.A. an der Verbesserung der Körperwahrnehmung gearbeitet. Das Körperbild wurde durch verschiedene Übungen und durch spielerische Aufgaben deutlich verbessert. Die Körperteile kann er nun exakt benennen. Wenn er sich selbst mal, malt er ein Männchen, bestehend aus 6-7 Teilen. Findus liebt es, Bewegungen von Tieren und Menschen nachzuahmen. Hier zeigt er großes Interesse und ist mit vollem Körpereinsatz dabei. Er kann seine Köpermittellinie überkreuzen. Beim Essen mit Messer und Gabel verwendet er beide Hände zweckmäßig.
Wahrnehmung
Visuelle Wahrnehmung
In der visuellen Wahrnehmung ist Findus altersentsprechend entwickelt. Findus kann die Farben erkennen und benennen. Einfache Formen (Kreis, Rechteck, Dreieck etc.) kann er erkennen, benennen und teilweise auch zeichnen. Bilddetails erkennt Findus sehr gut und kann sie auch differenziert beschreiben. Beim Puzzeln sucht er sich gerne Puzzle mit vielen Teilen aus. Hier zeigt er besonderes Interesse für Auto oder Trickfilm-Puzzle.
Seine räumliche Orientierung hat sich verbessert. Er findet sich jetzt räumlich gut zurecht, kann Begriffe wie vor, hinter, unter, neben.oben, links, rechts e.t.c. unterscheiden.
Akustische Wahrnehmung
Findus' akustische Wahrnehmung hat sich verbessert. Er kann dreiteilige Aufträge befolgen.
Findus ist in der Lage, bei Geschichten vorlesen konzentriert zuhören. Er lässt sich aber von anderen Kindern leicht ablenken.
Er kann Geräusche erkennen, zuordnen und lokalisieren. Liedtexte und kleine Gedichte kann er sich einprägen und wiedergeben. Er singt sehr gerne selbst ausgedachte Lieder oder verfremdet Liedtexte. Einfache Rhythmen mit 3-5 Teilen kann er nachklatschen. Dies wird zurzeit in der Gruppe gelernt. In der Sprachheilkur lernte Findus Reimwörter wie Haus-Maus kennen. Diese Wortspiele liebt er und erzählt es gerne den anderen Kindern.
Kognition und Merkfähigkeit
Findus kann sich Wortreihen, maximal aus 3-4 Wörtern bestehend, merken (Spiel Kofferpacken). Beim Nachsprechen von Zungenbrechern ist er mit einer Begeisterung dabei. Er kann sich kurze Sätze einprägen und wiedergeben. Kleine Farbabfolgen kann er nachlegen. Dies konnte bei Spielen wie "Make a Break" beobachtet werden. Wenn ein Gegenstand aus einer Reihe (5-6) weggenommen wird, weiß Findus, welcher Gegenstand fehlt. Beim Memory Spiel zeigt er ein gutes visuelles Gedächtnis. Findus zeigt gute mathematische Kenntnisse. Das Zählen beherrscht er bis 20. Er erkennt bei Spielen die Anzahl der Würfelpunkte und rückt die entsprechend gewürfelte Zahl. Objekte kann er nach zunehmender und abnehmender Länge ordnen. Die Begriffe „mehr als, weniger als, viel, etwas e.t.c“ versteht Findus und kann es auch umsetzen. Findus kann einfaches Plusrechnen im Zahlenraum bis 5 (z.B. 2+3 Gummibärchen).
Findus kann eine einfache Bildergeschichte (3-5 Bilder) in der richtigen Reihenfolge legen.
Zurzeit üben wir, in der Gruppe Angaben über die Familien der Kinder zu machen. Hier weiß Findus die Straße, wo er wohnt mit zugehöriger Hausnummer und kann Angaben über seine Familie machen.
Erweiterung der Konzentrationsspanne
Findus ist ausdauernd im Spiel und lässt sich während des Spiels nicht ablenken. Er bringt Spiele zu Ende, bevor er etwas Neues beginnt, und räumt es nach Aufforderung auch auf. Bei Vorlesegeschichten ist seine Ausdauer wechselnd. Meist kann er für eine kurze Zeit zuhören und auch still sitzen bleiben. In der Sprachheilkur erhielt er ergotherapeutische Stunden. Findus ließ sich noch zu Beginn von anderen Reizen ablenken. Durch die positive Verstärkung in den Übungen sowie Hinweise und Ratschläge konnte sich Findus immer öfter über einen längeren Zeitraum konzentrieren und sich ausdauernd, selbständig beschäftigen. Durch die Materialvielfalt wurde die Reizaufnahme bei Findus verstärkt. Findus ist jetzt in der Lage, sich für eine bestimmte Zeit zu konzentrieren. Seit Findus wieder den Kindergarten besucht, konnten wir feststellen, dass sich Findus' Defizite in der Konzentration sowie in der Handlungsplanung deutlich verringert haben.
Spracheentwicklung
Findus war in der Zeit vom April bis Ende Mai zur Sprachheilkur. Er zeigte ein erhöhtes Sprechtempo, eine fehlerhafte Verwendung von bestimmten und unbestimmten Artikeln, Verbflexionsfehler sowie Defizite in den Sprech- und Gesprächsregeln. Das Hauptziel der logopädischen Behandlung lag in der Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten (Verbesserung auf morphologisch-syntaktischer Ebene) und Vermittlung von Sprech- und Gesprächsregeln (Förderung der Erzählfähigkeit). Findus arbeitete dort in festen Gruppen und erhielt täglich spezielle logopädische Einzeltherapien.
Findus nahm die Spracharbeit gut an und beteiligte sich aktiv an den Therapien und löste die ihm gestellten Aufgaben. Die Abschlusseinschätzung der Sprachheilkur zeigt, dass Findus' Kommunikationsfähigkeit sich deutlich verbessert hat. Er redet jetzt langsam und deutlich und hält sich an die Sprechregeln. Je nach Tagesform ist Findus in der Lage, sich in einfachen korrekten S-P-O-Satzstrukturen (S-P-O = Subjekt-Prädikat-Objekt) zu äußern. Eine Erhöhung der Grundkenntnisse konnte durch das Arbeiten in den semantischen Feldern erreicht werden. In der Verwendung von bestimmten und unbestimmten Artikeln wird Findus zunehmend sicherer. Die Empfehlung einer logopädischen Behandlung ist für einmal wöchentlich angebracht und wird zurzeit in unserer Kindertagesstätte sowie außer Haus durchgeführt.
Sozialverhalten
Findus hält sich an Absprachen, Regeln und Rituale und muss nur sehr selten an die Gruppenregeln erinnert werden. Entstehende Konflikte, versucht er überwiegend verbal zu lösen. Wenn Schwierigkeiten auftreten oder er Unterstützung braucht, sucht er den Kontakt zur Erziehung auf. Findus kann seine Gefühle und eigenen Bedürfnisse verbal sowie nonverbal ausdrücken und ist in der Lage, sich in die Lage anderer Kinder zu versetzen. Er kann seine eigenen Bedürfnisse in der Gruppe teilweise zurückstellen. Dies ist Tagesform- und themenabhängig. In der Gruppe hat Findus einen festen Freund und knüpft Kontakt zu anderen Kindern in der Gruppe. Er wird häufig als Spielpartner gewählt und kann meistens mit den anderen Kindern kooperieren. Die Trennung von der Bezugsperson stellt für ihn keine Probleme dar. Findus findet schnell Kontakt zu anderen Erwachsenen.
Emotionale Entwicklung
Findus reagiert auf neue Situationen zuversichtlich, schlüpft zu Beginn meistens in die Beobachterrolle. Nach langer Zeit hat er gelernt, nicht gleich aufzugeben. Durch Lob und Ratschläge unserer Seite hat er gelernt, mit Misserfolgen umzugehen. Findus Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten haben sich deutlich verbessert. Er fragt uns nur noch sehr selten nach Hilfe.
Wiedereingliederung in der Kindertagesstätte ohne zusätzliche heilpädagogische Unterstützung
Aufgrund der guten Entwicklung nach der Sprachheilkur läuft seit Ende Mai Findus als Probephase der Wiedereingliederung in der Kindertagesstätte ohne zusätzliche/heilpädagogische Unterstützung/Förderung.
Aus meiner Sicht ist eine zusätzliche heilpädagogische in der Kindertagesstätte nicht mehr erforderlich, da er in die Entwicklungsschritte wieder aufgeholt hat. Eine logopädische Behandlung einmal wöchentlich ist weiterhin empfehlenswert, um die S-P-O-Satzstrukturen sowie die bestimmten und unbestimmten Artikel weiter zu trainieren. Die Ergotherapie läuft seit August wieder an und wird einmal wöchentlich durchgeführt. Dort hat Findus die Möglichkeit, seine Konzentrationsspanne sowie die Handlungsplanung noch erweitern.
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