Beobachtungskriterien in der Heilpädagogik

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Nachfolgend eine Aufzählung und Erläuterung von Kriterien, die Heilpädagogen bei ihrer Arbeit anwenden, um Klienten bzw. Kinder einschätzen zu können.

1. Äußeres Erscheinungsbild

  • körperliche Auffälligkeiten: z. B. Brillenträger, Körperbehinderung, Körperbau zierlich, adipös
  • Haltung: z. B. hängende Schulter, wenig Ausdruck, unter Spannung ankommend,
  • weitere Merkmale: z. B. Gang, Mimik, Gestik, Kleidung, Wie fühlt sich das Kind?

2. Grobmotorik

  • Lateralität: Ausprägung der rechten oder linken Hirnhälfte
  • Raumorientierung: Nutzt das Kind den Raum aus oder hält es sich nur an den Wänden auf? Weiß es, wo oben und unten ist, findet es sich räumlich zurecht?
  • Ausdrucksgehalt: langsam (ist es eher vorsichtig, ängstlich, kaum Eigeninitiative, Selbstvertrauen gering, traut sich viele Bewegungen nicht zu)
  • überschießend: Kind ist überdreht, Ruhe fehlt, fangen Sachen an und bringen es nicht zu Ende, häufig bei ADHS Kindern, lernen nicht die Qualität des Spielmaterials kennen, verunfallen oft, können Gefahren nicht einschätzen.
  • koordiniert/unkoordiniert: Wie benutzt das Kind Spielgeräte? (Dreirad treten, Roller fahren, Treppe laufen, Nachstellsschritt, Hampelmann, rückwärts laufen)
  • Seitendominanz: (z. B. bevorzugt linke Hand, rechte Hand)
    Bei einem etwa 5-jährigen Kind kann man bereits absehen, ob es rechtshändig oder linkshändig wird; Überkreuzung der Körpermittellinie (Übung: Motorikschleife, bei Malen greift es zur anderen Seite über )
  • Körperbewusstsein: gut entwickelte Grobmotorik ist eine wichtige Grundlage für Körperbewusstsein
  • weitere Merkmale: Tonusregulierung, Schnelligkeit, Ausdauer, Kinder entwickeln sich vom Groben zum Feinen.

3. Feinmotorik

  • Koordination: Wenn Kinder nicht koordiniert Hände, Füße und Augen nutzen können, kann sich die Feinmotorik schlecht entwickeln.
  • Stift- und Pinselhaltung: nicht flüssig in der Handschreibung, braucht viel Zeit, weil mühselige Stifthaltung,
  • einhändig oder zweihändiges Bauen: Streichholztest bei 4-6-jährigen Kindern (gleichzeitig rechts und links Steichhölzer beiseite legen, Kind beim Bauen im Spiel beobachten
  • Kraftdosierung: Kinder drücken mit dem Stift oft zu fest auf, Kraftdosierung gelingt noch nicht optimal
  • weiter Merkmale: Drehbewegungen, schrauben, schneiden, halten, Linie nachfahren, kleine Teile zusammenstecken, greifen

4. Mundmotorik

  • meist interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Logopädin
  • Mundmuskulatur: Mundschluss, Speichelfluss, z. B. Muskeltonus Spannung stimmt nicht, Kind kann den Mund nicht ganz schließen, Mitbewegung beim Schneiden, Malen
  • Kind kann harte und weiche Laute nicht aussprechen, weil der Muskeltonus nicht stimmt.
  • Kinder, die verwaschen sprechen, kriegen oft ihren Mund zu wenig auf

5. Sprache

  • Tonfallverständnis: Regulation laut und leise, Kind spricht monoton, Emotionalität der Sprache
  • passive Sprache: Sprachverständnis, kann sich nicht ausdrücken, versteht aber die passive Sprache,
  • aktive Sprache: dazu zählen Wortschatz, Grammatik, Satzbau, Lautstärke, Artikulation, Dialekt, Ausdruck
  • Auffälligkeit: Sprach- und Sprechstörungen, Spracherwerbsstörungen (z. B. Stammeln, Näseln, Poltern, Stottern, Dysgrammatismus, Dyslalie, Aphasie, Mutismus)
  • weiter Merkmale: Nachahmung, die Fähigkeit eigene/fremde Bedürfnisse /Empfindungen zu formulieren, eindrucksvolle Erlebnisse berichten, Zuhören können, Anweisungen ausführen und verstehen, mehrteilige Anweisungen befolgen

6. Vestibuläre Wahrnehmung

  • ist ein Nahsinn, entwickelt sich aus dem Körper heraus
  • statisches Gleichgewicht: auf einem Bein stehen können; eine vestibuläre Störung geht oft mit einer visuellen Störung einher
  • ständige Korrektur im Sitzkreis, grobes Schwanken des Körpers unauffällig, bei extremer Situation keine Schwindelgefühle, Treppen steigen, balancieren, hüpfen, Gleichgewichtsprobleme
  • Lageveränderungen und Lagewechsel beziehungsweise Rotationen werden wahrgenommen.

7. Taktile Wahrnehmung

Hierbei geht es um den ganzen Körper mit seiner Oberfläche/der Haut.

  • Überempfindlichkeit: Kind berührt alles nur ganz kurz, kaum Gefühlseindruck möglich/Ertasten von Material
  • Unterempfindlichkeit: Kind merkt heiß/kalt zu spät, späte Reaktion, verweilen nicht lange genug an Material, lernen es nicht kennen
  • Tasten: Unterscheiden, Benennen von Gegenständen, Materialien unterscheiden, taktiles Differenzierungsvermögen (Größe, Form, Konsistenz, Oberflächenbeschaffenheit und Temperatur von Objekten)
  • taktile Reize vermeiden/suchen: Kind vermeidet Matsch, entzieht sich der Berührung, lässt sich nicht anfassen, mag nicht barfuß gehen,
  • Lokalisation von Materialien an/auf Körper, Berührungsqualität

Es gibt 2 unterschiedliche Abwehrsysteme:

  • Reaktion auf Schmerz, Temperatur
  • Kontrollsystem, Reaktion auf Druck, Vibration und Berührung

8. Tiefensensibilität

Tiefensensibilität ist ein weiterer Nahsinn, wird auch "Propriozeption" oder "Tiefenwahrnehmung" genannt. Es handelt sich um eine Eigenwahrnehmung des Körpers.

  • motorische Planung, Koordination zur Umgebung, dyspraktisch, schaukeln, klettern
  • Lagesinn: gibt Informationen über die Position des Körpers im Raum und Stellung der Körperteile zueinander, Stellreaktion des Körpers,

9. Visuelle Wahrnehmung

  • Auge-Hand-Koordination: Sortieren, Fädeln, Kneten, Schneiden, Falten, Formen erkennen, Puzzlen, Ausmalen und Begrenzung einhalten, Erkennen und Kombinieren von Objekteigenschaften
  • Auge-Fuß-Koordination: Ball treffen, bevorzugter Fuß
  • weitere Merkmale: Figur-Grund-Wahrnehmung, Veränderung an einem Bild wahrnehmen, Formkonstanz, Wahrnehmung der Raumlage, Wahrnehmung räumlicher Beziehungen, Objektpermanenz, visuelles Gedächtnis

10. Auditive Wahrnehmung

Das Hörsystem ist eng mit dem Gleichgewichtssystem verbunden.

  • Kind kann / kann nicht ähnlich klingende Laute unterscheiden, geflüsterte Laute verstehen, versteht korrekte Reihenfolge von Silben, Artikulationsfähigkeit,Wörter in Silben aufgliedern, Verwechslung von stimmlosen und stimmhaften Konsonanten,
  • Auditive Wahrnehmung ist Voraussetzung für die Sprachentwicklung und das Sprachverständnis.

Bereiche der auditiven Wahrnehmung:

  • auditive Aufmerksamkeit
  • auditive Figur-Grund-Wahrnehmung (Lokalisation)
  • auditive Diskriminierungsfähigkeit
  • auditive Merkfähigkeit (akustische Speicherung)
  • Richtungshören

11. Sozialverhalten

  • Art der Kontaktaufnahme: schüchtern, distanzlos, zurückhaltend, Kontakt zu Erwachsenen/ Kindern, Gleichaltrigen
  • Blickkontakt (kann es Blickkontakt halten?)
  • Kontaktwunsch
  • Reaktion auf neue Situationen distanziert/distanzlos, rücksichtsvoll/rücksichtslos,
  • Anpassung und Durchsetzung sozial ausgeglichen, Gruppenfähigkeit, Leistung und Anerkennung adäquat oder inadäquat

12. Emotionales Verhalten

  • Ansprechbarkeit und Äußerungsfähigkeit: Kind verhält sich passiv/aktiv,
  • ist ängstlich, aggressiv, kann Affekte zeigen
  • zeigt Freude, Glück, Zorn, Wut, Liebe, Hass, Angst, Eifersucht
  • emotionale Zuwendung ist infantil/nicht erkennbar
  • Kind ist sensibel, Stimmung schwankt

13. Spielverhalten

  • Kind spielt allein oder mit anderen Kindern
  • Fähigkeit zur Nachahmung
  • Spielformen: Funktionsspiel, Konstruktionsspiel, Rollenspiel, Regelspiel sind entwicklungs-/altersentsprechend,
  • bevorzugtes Spielmaterial
  • Spielhandlungen: wie lang ist die Spieldauer
  • Zeigt das Kind Initiative und Kreativität?
  • Bauecke, Puppenecke, Bastelecke, Bewegungsbaustelle, Maltisch

14. Umgang mit dem Material

  • Wie wird das Material angenommen (greifen/loslassen/hantieren)?
  • Welches Material wird bevorzugt?
  • Material: Form, Größe, Farbe, Funktion, Oberflächenbeschaffenheit
  • Planung: planloses Handeln, Handeln kausal, planvoll, kann spätere Planung formulieren und aufschieben, kann mehr als 2 Schritte planen, evtl. trotz eingeschränkter Tätigkeit

15. Kognitive Fähigkeiten

  • Gedächtnis: Merkfähigkeit, Ausdauer, Konzentration, Belastbarkeit, Aufgabenerfassung, Aufgabenerledigung, Reaktion bei Schwierigkeiten, Ablenkbarkeit

16. Lebenspraktische Tätigkeiten

  • Selbständigkeit beim An- und Auskleiden, Schuhe anziehen /schnüren, Klettverschluss, Reißverschluss, Hände waschen /abtrocknen, Ärmel hochziehen
  • Essen und Trinken, selbständig Trinken einschenken, Brotbüchse auspacken, umgehen mit Besteck, Tisch decken, Geschirr abwaschen und abtrocknen
  • Selbständiger Besuch der Toilette oder muss das Kind daran erinnert werden?
  • Ist das Kind "trocken"?
  • weitere Merkmale: Spielzeug aufräumen, Umwelt kennenlernen, Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs kennenlernen und sinnvoll benutzen
  • Sicherheit im Straßenverkehr

17. Vorlieben und Interessen

Vorlieben des Kindes können

  • beim Elterngespräch erfragt werden
  • beim Kind selbst erfragt werd
  • durch Beobachten des Kindes festgestellt werden (z. B. beim Freispiel oder beim gelenkten Spiel)

Beispiel: Kind mag Helden in Kinderbüchern, mag uniformierte Personen, spielt gerne Verkleiden, spielt gerne Mutter-Vater-Kind, baut gerne Türme, mag es, wenn man ihm Geschichten vorliest, malt gerne, fährt Dreirad, spielt mit Sand, mag Regelspiele, mag bestimmte Tierfiguren (z. B. Pferde), möchte im Spiel der König sein (Wunsch nach Stärke)

18. Besondere Symptome

  • Psychosomatische Symptome: Daumenlutschen, Ticks, Gehemmtheit, Nägelkauen, Enuresis/Enkopresis (Einnässen/ Einkoten nachts oder tagsüber),
  • Autoaggressives Verhalten (schlägt sich, reißt sich Haare aus, kratz sich)
  • Stereotype Verhaltensweisen (meist bei Menschen mit geistiger Behinderung),
  • Aggressivität gegen Gleichaltrige /Erwachsene

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