Umgang mit Behinderung

Umgang mit Behinderung

Dieser Artikel informiert über verschiedene Definitionen von Behinderung, über Auswirkungen von Behinderungen auf Familien und über Aufgaben, die Heilpädagogen in diesem Kontext übernehmen können.

Definition von "Behinderung" nach §2 Absatz 1 Sozialgesetzbuch IX

"Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist."

Es muss eine Erschwerung der unmittelbaren Lebensverrichtung oder der Teilhabe am Leben der Gesellschaft vorliegen, um von einer Behinderung zu sprechen.

Definition von "Behinderung" aus heilpädagogischer Sicht

Der Begriff "Behinderung" ist sehr komplex und wird von vielen Zielgruppen (medizinisch, pädagogisch, gesellschaftlich, ICD, WHO, psychologisch) verschieden ausgelegt. Aus heilpädagogischer Sicht beschreibt Emil Kobi den Begriff "Behinderung" folgendermaßen:

"Behindert, im heilpädagogischen relevanten Sinne, ist ein Mensch, der erstrebenswerten Bildungs- und Erziehungsansprüchen nicht in einem erwartenden Maß, nicht in der als üblich vorausgesetzten Art und Weise zu entsprechen vermag. Behindert ist ein Mensch, der bestimmte Erwartungen nicht zu erfüllen verspricht; behindert bleibt ein Mensch, für den keine als sinnvoll und befriedigend empfundenen Daseinsformen gefunden und realisiert werden können" (Kobi 2004, S. 34).

Wie geht die Gesellschaft mit Behinderung um?

Behinderungen werden von Normvorstellungen sowie von den Relativierungsfaktoren in der Gesellschaft festgelegt. (Es gibt statistische, ideale und persönliche Normen.) Was im Rahmen der Gesellschaft als behindert gilt, hängt von teils unausgesprochenen, teils von gesetzlich festgelegten Norm- und Wertevorstellungen in der Gesellschaft ab. Dem Begriff Behinderung liegt ein Menschenbild zugrunde.

In vielen Köpfen spiegeln sich Idealvorstellungen wider, die nicht ausgesprochen werden. Der Begriff Behinderung bietet zum einen Schutz, Förderung und Hilfe, auf der anderen Seite aber steht die Etikettierung, Stigmatisierung und Diskriminierung.

Relativierungsfaktoren

Fördermaßnahmen: Unterschiedliche Hilfen können bei objektiv gleichen Schädigungen zu "verschiedenartigen Schweregraden der Behinderung führen" (Haeberlin, 1992, S. 28). Bei gleicher Schädigung , aber unterschiedlicher Hilfe, erhält man ein anderes Ergebnis. Dies spielt bei den Schweregraden einer Behinderung eine große Rolle.

Subjektive Wahrnehmung: Behinderte empfinden ihre Behinderung anders, als die Umwelt sie wahrnimmt. Aus der Sicht der Umwelt ist eine Lernbehinderung nicht so schlimm, wie eine geistige Behinderung, jedoch empfindet der Lernbehinderte subjektiv seine Behinderung schwerer als ein geistig behinderter Mensch. Er bekommt die Stigmatisierung, Diskriminierung und Etikettierung stärker mit, als ein geistig behinderter Mensch.

Zeitlicher Verlauf: Eine Lernbehinderung kann ein Mensch während seiner Schulzeit haben, wird dann aber später beruflich gut eingegliedert. Behinderung kann also auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt sein (vgl. Haeberlin, 1992, S. 28).

Unterschiedliche Lebenslagen: In unterschiedlichen Lebenslagen kann die gleiche Behinderung verschiedene Auswirkungen haben.

Reaktionen von Eltern auf ihr behindertes Kind

Schock verhindert oft die seelische Annahme des behinderten Kindes. Der Aufbau einer entwicklungsfördernden Eltern-Kind-Beziehung wird verhindert. Die Eltern von behinderten Kindern erleben oft hohe psychische und physische Belastungen, oft überfordern sie auch ihr Kind.

Dazu kommen häufig Probleme zwischen den Elternteilen sowie wirtschaftliche Sorgen, Arbeitslosigkeit, Alkoholprobleme, Unsicherheit in der Erziehungskompetenz, eigene Behinderungen oder einiges mehr.

Betroffene Eltern fühlen sich oft verunsichert und ratlos, haben Zukunftsängste, müssen sich manchmal gar mit dem Thema Tod auseinandersetzen. Verwandte und Freunde reagieren entweder mit Hilfe, Verwöhnung, Mitleid, Entlastung oder mit Abneigung und Abbruch der Beziehung.

Stufen der seelischen Annahme

  1. Ungewissheit: Eltern schöpfen Verdacht, verdrängen oder verleugnen die Behinderung oder Beeinträchtigung
  2. Gewissheit: Die Wahrheit wird vermittelt, Eltern reagieren mit Schock
  3. Auflehnung: Eltern betreiben Ursachen- und Schuldsuche, reagieren mit Aggressionen oder Protest; Fragen kommen auf, z. B. "Warum passiert das gerade uns?" Schon hier zeichnet sich oft ab, dass Eltern sich zurückziehen.
  4. Verhandeln mit dem Schicksal: Eltern suchen nach Heilwegen und hoffen auf Wunder. Es ist häufig zu beobachten, dass Eltern ihre Kinder in viel zu viele zusätzliche Angebote geben und folglich die Kinder überfordern.
  5. Trauer: Eltern erkennen spätestens jetzt, dass nicht alles geheilt werden kann. Sie zeigen Gefühle des Verlustes, Gram oder Depression. Viele Mütter verweilen lange auf dieser Stufe.
  6. Aktive seelische Annahme: Eltern akzeptieren die Lebenssituation und gestalten sie mit. Sie handeln in konkreten Möglichkeiten und können ihren Kindern Werte vermitteln.

Durch den Schmerz bleiben viele Eltern auf einer Stufe stehen, stagnieren. Durch plötzliche negative Erlebnisse werden sie leicht wieder zurückgeworfen. Die seelische Annahme des Kindes ist die Basis für dessen Persönlichkeitsentfaltung. Die ursprüngliche Mutter-Kind-Beziehung ist die Keimzelle aller späteren emotionalen Bindungen des Kindes.

Heilpädagogische Aufgabe bei betroffenen Eltern

Der Heilpädagoge erhält aus Gesprächen die Information, auf welcher Stufe die Betroffenen (meist sind es die Eltern) stehen. Er kann Verständnis für die jeweilige Situation aufbringen und die Gefühle der Eltern somit akzeptieren. Wichtig ist es, den Eltern zu erklären, warum die seelische Annahme wichtig ist. Hier ist es die Aufgabe des Heilpädagogen, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Eine weitere Aufgabe des Heilpädagogen ist es, das Selbstbewusstsein der Eltern zu fördern und ihnen Mut zu machen.
Steht eine Diagnose fest, so wissen oft die Eltern nicht, was sich dahinter wirklich verbirgt. Über die jeweilige Behinderung/Beeinträchtigung sollte der Heilpädagoge fachlich Bescheid wissen. Er sollte den Eltern die Auswirkungen der Behinderung erklären können.

Die Hilfe von außen in Form von Selbsthilfegruppen, Frühförderung, Krabbelgruppen und finanzieller Unterstützung ist eine weitere wichtige Unterstützung für betroffene Eltern.

Einfluss behinderter Kinder auf ihre Geschwister

  • Die Geschwisterkinder werden früh mit dem Leid konfrontiert und erleben Diskriminierungen hautnah mit.
  • Nicht-behinderte Geschwisterkinder müssen häufig Aggressionen gegenüber ihren behinderten Geschwistern unterdrücken, Rivalität ist ihn untersagt. Stattdessen haben sie "böse" Gedanken, für die sie sich wiederum oft schämen.
  • Wegen der Unterdrückung von Auseinandersetzungen lernen sie kaum, sich mit ihren behinderten Geschwistern auseinanderzusetzen.
  • Die Hierarchie stimmt nicht, wenn das jüngere, nicht-behinderte Geschwisterkind das behinderte Kind überholt. Nicht-behinderte Kinder entwickeln oft Schuldgefühle und Hemmungen.
  • Nicht-behinderte Geschwisterkinder haben oft weniger Kontakt zu ihren Eltern, da diese häufig erschöpft sind und ihre Hauptfürsorge dem behinderten Kind gilt.
  • Nicht-behinderte Geschwisterkinder haben es schwerer, Freunde zu finden, wenn ihre Familie aufgrund des behinderten Kindes weniger soziale Kontakte hat.
  • Die Angst, selbst behindert zu werden, ist relativ groß, da ein Bewusstheit dafür vorhanden ist, dass es keine Garantie auf körperliche und geistige Unversehrtheit gibt.

Wie gehen Geschwisterkinder mit ihren behinderten Geschwistern um?

Manche neigen zu Altruismus, opfern sich auf, nichts ist ihnen zu viel. Dadurch kommt es schnell zu Überforderung. Andere distanzieren sich, gehen bewusst eigene Wege, weil sie die Belastung nicht aushalten. Sie verdrängen eventuell vorhandene Schuldgefühle. Dies schränkt das Gefühlsleben ein und hindert sie in ihrer eigenen Entwicklung. In der Schule kommt es häufig zu Minderleistungen. Manche Kinder reagieren gar aggressiv oder depressiv.

Heilpädagogische Aufgabe bei betroffenen Geschwisterkindern

  • Der Heilpädagoge beachtet immer das gesamte (Familien-) System, einschließlich der Geschwisterkinder.
  • In Elterngesprächen werden die Eltern auch über das Geschwisterkind befragt.
  • Auf mögliche Gefühle oder Ängste des Geschwisterkindes macht der Heilpädagoge die Eltern aufmerksam und weist auf Gefahren hin.
  • Es ist wichtig, gerade für Geschwisterkinder eine Entlastungssituation zu schaffen, z. B. in einer Kindertagesstätte.
  • Weitere Möglichkeiten gibt es in Form von Beratung (z. B. Elterngesprächskreise, Beratungsstellen)
  • Besondere Unterstützung benötigen alleinerziehende oder selbst behinderte Elternteile sowie Erziehungsberechtigte, die selbst hilflos erscheinen.

Weitere Informationen

Über die Autorin/den Autor
Diana Saft ist staatlich anerkannte Heilpädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie sammelte bisher Erfahrungen in einem Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, in einem integrativen Kindergarten und in einem deutschen Kindergarten in den USA.

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