Geistige Behinderung - Normtheorien nach Speck und Goffman
Was ist "normal"?
Der Begriff Behinderung als gesellschaftliche Kategorie nach Speck
Speck setzte sich mit dem Begriff der Norm auseinander. Der Begriff Norm ist im Behindertenbereich als skeptisch zu sehen, denn Normen ändern sich mit der Zeit und dem gesellschaftlichen Wandel. Deshalb ist der Umgang mit dem Begriff "Was ist normal" mit Vorsicht zu betrachten. Heute spricht man eher von einer Abweichung und nicht von Abnormalität.
Dank der sozialwissenschaftlichen Fortschritte in den 70ern wirkten sich auf die Theoriebildung in der Heilpädagogik positive Aspekte aus. Die Behinderung wurde nun von Faktoren erklärt, die nicht medizinisch vorliegen. Speck fasst hier die sozialtheoretische Sichtweise zusammen, die aus 2 Faktoren besteht:
der mikrosoziale Aspekt (z.B. Familie, Schule)
der makrosoziale Aspekt (Gesellschaft)
Behinderung als gesellschaftliche Kategorie nach Speck
Speck unterscheidet hier 4 Theorien, die hier kurz zusammengefasst sind.
Dependenz-Theorien
In diesem statischen Gesellschaftsmodell wird der Mensch mit Behinderung als einseitig abhängig dargestellt. Es gibt in diesem Modell gesellschaftliche Gruppen die Macht haben, Normen aufzustellen. Weicht jemand von der Norm ab, wird er ausgegrenzt. Soziale Veränderungen im Gesamtsystem werden nicht beachtet und Menschen mit einer Behinderung gelten als Außenseiter, da sie sich der Norm nicht anpassen können.
Interaktionistische Theorien
Die interaktionistischen Theorien von Speck werden hier in 2 Bereiche unterteilt.
Die Zuschreibungstheorie bzw. Etikettierungsprozesse: Speck definierte folgendermaßen eine Abweichung: "Es liegt ein abweichendes Verhalten (Devianz) dann vor, wenn es von einem anderen als ein solches definiert wird" (Speck 1996, 230). Die Gesellschaft stellt die Normen auf und sagt, wann ein Verhalten als Abweichung zählt. In der Gesellschaft gibt es viele Vorurteile, die hier eine große Rolle spielen. Wird einer Person aufgrund einer z.B. körperliche Behinderung eine Unfähigkeit bestimmter Fertigkeiten zugeschrieben, wird er etikettiert. Das Verhalten der Person wird hiermit stark eingeschränkt und sie übernimmt die zugeschriebene Rolle. Folge ist, dass die Identität der Person sich ändert.
Die Stigmatheorie ist die zweite interaktionistische Theorie von Goffman. Diese Theorie setzt sich mit physischen Abweichungen auseinander, denn diese werden als Anlass eines Stigmas genannt. Die Gesellschaft stellt in dieser Theorie Kategorisierungen auf, in der eine Menge an festgelegten Eigenschaften zugeordnet ist. Wir kennen diese Kategorie sehr gut, da wir sie täglich anwenden. Der erste Blick entscheidet, in welche Kategorie wir einen Menschen einordnen. Ist der Mensch in eine bestimmte Kategorie eingeordnet, erhält er eine so genannte "virtuale soziale Identität" (Goffman 1992, 10). In einer aktualen sozialen Identität werden aber die Eigenschaften einen Menschen zugeschrieben, die wirklich nachweisbar sind. Das Problem ist, dass die Gesellschaft den Menschen mehr unterstellen, als es eigentlich wahr ist. Die Konsequenz ist, dass diese Menschen diskriminiert werden und ihre Lebensqualität geschwächt ist aufgrund der Stigmatisierungen.
Virtuelle Einschränkungen im sozialen Kontext
Die virtuellen Einschränkungen beziehen sich auf eine Studie von Townsend und werden von Speck nur kurz erwähnt. Hier werden verschiedene Formen von Funktionseinschränkungen auf verschieden Lebenswelten analysiert. Mit anderen Worten, das was von der WHO als behindert bezeichnet wird.
Sozialschicht und Behinderung
Die Sozialschicht inbezug auf Behinderung wurde schon vielfach untersucht. Ergebnisse u.A. waren, dass Schüler einer Förderschule ohne neuropathologischen Ursachen aus unteren Sozialschichten kommen. (Speck 1996, S. 235) die Ergebnisse bei anderen Behinderungsarten waren hier aber nicht eindeutig. Eine Erklärung, warum Lernbehinderungen gerade in unteren Sozialschichten vorkommen ist, dass das Kind von der Gesellschaft geprägt wird. Wird es stigmatisiert und etikettiert, wirkt sich das negativ auf seine Identität aus und es nimmt sich der Etikettierung an.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass durch einen Auslöser (eine geistige oder körperliche Schädigung, aber auch ein Stigma) eine Behinderung in Gang gesetzt. Die eigene Person, die soziale Umwelt und die Interaktion zwischen beiden beeinflusst die Behinderung und wird deshalb als komplexe Interaktion verstanden.
Quellen:
Zusammenfassung aus: Speck, O.: System Heilpädagogik. München 1996 und Goffman, E.: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992
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