Beobachtungskriterien in der Heilpädagogik

Beobachtungskriterien Heilpädagogik

In diesem Artikel erhalten Sie einen stichpunktartigen Überblick über viele heilpädagogische Kriterien zum Einschätzen von Klienten bzw. Kindern.

Äußeres Erscheinungsbild

  • körperliche Auffälligkeiten: z. B. Brillenträger, Körperbehinderung, Körperbau zierlich, adipös
  • Haltung: z. B. hängende Schulter, wenig Ausdruck, unter Spannung ankommend
  • weitere Merkmale: z. B. Gang, Mimik, Gestik, Kleidung; Wie fühlt sich das Kind?

Grobmotorik

  • Lateralität: Ausprägung der rechten oder linken Hirnhälfte
  • Raumorientierung: Nutzt das Kind den Raum aus oder hält es sich nur an den Wänden auf? Weiß es, wo oben und unten ist? Findet es sich räumlich zurecht?
  • Ausdrucksgehalt: Ist das Kind z. B. vorsichtig, ängstlich, zeigt kaum Eigeninitiative, hat geringes Selbstvertrauen, traut sich viele Bewegungen nicht zu)
  • Überschießend: Kind ist überdreht, Ruhe fehlt, fangen Sachen an und bringen es nicht zu Ende, häufig bei ADHS Kindern, lernen nicht die Qualität des Spielmaterials kennen, verunfallen oft, können Gefahren nicht einschätzen.
  • Koordination: Wie benutzt das Kind Spielgeräte? Wie läuft es z. B. eine Treppe hinauf? (Nachstellsschritt?) Kann es Hampelmann-Bewegungen? Kann es rückwärts laufen?
  • Seitendominanz: Welche Hand verwendet das Kind bevorzugt? (Hinweis: Ab einem Alter von etwa 5 Jahren kann man bei einem Kind absehen, ob es rechtshändig oder linkshändig wird.) Beherrscht es die Überkreuzung der Körpermittellinie? (Übungen z. B. Motorikschleife, bei Malen zur anderen Seite übergreifen)
  • Körperbewusstsein: Eine gut entwickelte Grobmotorik ist eine wichtige Grundlage für das Körperbewusstsein.
  • Weitere Merkmale: Tonusregulierung, Schnelligkeit, Ausdauer; Hinweis: Kinder entwickeln sich "vom Groben zum Feinen".

Feinmotorik

  • Koordination: Wenn Kinder nicht koordiniert Hände, Füße und Augen nutzen können, kann sich die Feinmotorik schlecht entwickeln.
  • Stifthaltung und Pinselhaltung: Kind beherrscht flüssige Handschreibung? Oder benötigt es viel Zeit und hat große Mühe mit der Stifthaltung?
  • Einhändiges oder zweihändiges Bauen: z. B. Streichholztest bei 4- bis 6-jährigen Kindern (rechts und links des Kindes Steichhölzer hinlegen und Kind beobachten, die es damit spielt)
  • Kraftdosierung: Drückt das Kind mit dem Stift zu fest auf? (Kraftdosierung noch nicht optimal)
  • weiter Merkmale: Drehbewegungen, Schrauben, Schneiden, Halten, eine Linie nachfahren, kleine Teile zusammenstecken, Greifen

Mundmotorik

  • meist interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Logopädin
  • Mundmuskulatur: Mundschluss, Speichelfluss (z. B. Muskeltonus stimmt nicht, Kind kann den Mund nicht ganz schließen), Mitbewegung des Mundes beim Schneiden oder Malen
  • Kind kann harte und weiche Laute nicht aussprechen, weil der Muskeltonus nicht stimmt
  • Kinder, die verwaschen sprechen, kriegen oft ihren Mund zu wenig auf

Sprache

  • Tonfallverständnis: Lautstärkeregulation laut/leise, Kind spricht monoton?, Emotionalität der Sprache?
  • Passive Sprache: Kind kann sich nicht ausdrücken, versteht aber andere (=passive Sprache)?
  • Aktive Sprache: Entwicklung von Wortschatz, Grammatik, Satzbau, Lautstärke, Artikulation, Dialekt, Ausdruck
  • Auffälligkeit: Sprach- und Sprechstörungen, Spracherwerbsstörungen (z. B. Stammeln, Näseln, Poltern, Stottern, Dysgrammatismus, Dyslalie, Aphasie, Mutismus)
  • Weiter Merkmale: Nachahmung, eigene oder fremde Bedürfnisse oder Empfindungen formulieren können; Erlebnisse erzählen können, Zuhören können, auch mehrteilige Anweisungen verstehen und ausführen können

Vestibuläre Wahrnehmung

(Vestibuläre Wahrnehmung = Gleichgewichtssinn)

  • Die vestibuläre Wahrnehmung ist ein Nahsinn. Sie entwickelt sich aus dem Körper heraus. Eine vestibuläre Störung geht oft mit einer visuellen Störung einher.
  • Statisches Gleichgewicht: Kind kann auf einem Bein stehen?
  • Ständige Korrektur im Sitzkreis, grobes Schwanken des Körpers unauffällig, bei extremer Situation keine Schwindelgefühle, Treppen steigen, Balancieren, Hüpfen, Gleichgewichtsstörungen
  • Lageveränderungen und Lagewechsel beziehungsweise Rotationen werden wahrgenommen

Taktile Wahrnehmung

(Taktile Wahrnehmung = Oberflächensensibilität, Tastsinn)

  • Überempfindlichkeit: Kind berührt alles nur ganz kurz, hat kaum Gefühlseindrücke
  • Unterempfindlichkeit: Kind spürt heiß/kalt zu spät; verweilt nicht lange genug an Material und lernt es deshalb kaum kennen
  • Tasten: Unterscheiden und Benennen von Gegenständen und Materialien, taktiles Differenzierungsvermögen (Größe, Form, Konsistenz, Oberflächenbeschaffenheit und Temperatur von Objekten)
  • Taktile Reize: Kind vermeidet z. B. Matsch, entzieht sich Berührungen durch andere Menschen, mag nicht barfuß gehen
  • Lokalisation von Materialien an oder auf dem Körper, Berührungsqualität

Tiefensensibilität

Tiefensensibilität - auch "Propriozeption" oder "Tiefenwahrnehmung" - ist ein weiterer Nahsinn. Es handelt sich um die Eigenwahrnehmung des Körpers.

  • Fähigkeit zur motorischen Planung, z. B. beim Schaukeln oder Klettern
  • Lagesinn: gibt Informationen über die Position des Körpers im Raum und Stellung der Körperteile zueinander, Stellreaktion des Körpers

Visuelle Wahrnehmung

  • Auge-Hand-Koordination: wichtig z. B. beim Sortieren, Fädeln, Kneten, Schneiden, Falten, Puzzlen und Ausmalen
  • Erkennen und Kombinieren von Objekteigenschaften
  • Auge-Fuß-Koordination: z. B. beim Fußball spielen
  • Weitere Merkmale: Figur-Grund-Wahrnehmung, Veränderung an einem Bild wahrnehmen, Formkonstanz, Wahrnehmung der Raumlage, Wahrnehmung räumlicher Beziehungen, Objektpermanenz, visuelles Gedächtnis

Auditive Wahrnehmung

(Auditive Wahrnehmung = Hörsinn)

  • Kind kann ähnlich klingende Laute unterscheiden, kann geflüsterte Laute verstehen, kann Reihenfolge von Silben verstehen, kann Wörter in Silben aufgliedern, kann stimmlose und stimmhafte Konsonanten richtig aussprechen
  • Die auditive Wahrnehmung ist eng mit dem Gleichgewichtssystem verbunden. Sie ist die Voraussetzung für die Sprachentwicklung und das Sprachverständnis eines Kindes.

Bereiche der auditiven Wahrnehmung:

  • auditive Aufmerksamkeit
  • auditive Figur-Grund-Wahrnehmung (Lokalisation)
  • auditive Diskriminierungsfähigkeit
  • auditive Merkfähigkeit (akustische Speicherung)
  • Richtungshören

Sozialverhalten

  • Art der Kontaktaufnahme des Kindes? (z. B. schüchtern, distanzlos, zurückhaltend), Kontakt zu Erwachsenen und Kindern
  • Kind kann Blickkontakt halten?
  • Reaktion des Kindes auf neue Situationen (z. B. distanziert/distanzlos, rücksichtsvoll/rücksichtslos)
  • Anpassungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen sozial ausgeglichen, Gruppenfähigkeit, Leistung und Anerkennung adäquat oder inadäquat

Emotionales Verhalten

  • Ansprechbarkeit und Äußerungsfähigkeit: Kind verhält sich eher passiv oder eher aktiv?
  • Kind ist ängstlich oder aggressiv, kann Affekte zeigen?
  • Kind eigt Freude, Glück, Zorn, Wut, Liebe, Hass, Angst, Eifersucht, ...
  • Emotionale Zuwendung ist infantil oder nicht erkennbar?
  • Kind ist sensibel, Stimmung schwankt

Spielverhalten

  • Kind spielt allein oder mit anderen Kindern?
  • Fähigkeit des Kindes zur Nachahmung
  • Kind spielt altersentsprechende Spielformen, z. B. Funktionsspiel, Konstruktionsspiel, Rollenspiel, Regelspiel
  • bevorzugtes Spielzeug und Spielmaterial des Kindes? (z. B. Bauecke, Puppenecke, Bastelecke, Bewegungsbaustelle, Maltisch, ...)
  • Spielhandlungen und -ausdauer
  • Zeigt das Kind Initiative und Kreativität?

Umgang mit dem Material

  • Wie wird das Material angenommen (greifen/loslassen/hantieren)?
  • Welches Material wird bevorzugt?
  • Planungsfähigkeit: planloses Handeln, kausales Handeln, Kind kann spätere Planung formulieren und aufschieben, Kind kann mehr als zwei Schritte planen, ggf. trotz eingeschränkter Tätigkeit?

Kognitive Fähigkeiten

  • Gedächtnis: Merkfähigkeit, Ausdauer, Konzentration, Belastbarkeit, Aufgabenerfassung, Aufgabenerledigung, Reaktion bei Schwierigkeiten, Ablenkbarkeit

Lebenspraktische Tätigkeiten

  • Selbständigkeit beim An- und Auskleiden, Umgang mit Klettverschluss/Reißverschluss, Hände waschen/abtrocknen, Ärmel hochziehen usw.
  • Essen und Trinken: Kind kann selbständig Trinken einschenken, Brotbüchse auspacken, mit Besteck umgehen, Tisch decken, Geschirr abwaschen
  • Kind geht selbstständig auf Toilette?
  • Das Kind ist "trocken"?
  • Weitere Merkmale: Spielzeug aufräumen, Umwelt kennenlernen, Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs kennenlernen und sinnvoll benutzen
  • Sicherheit im Straßenverkehr

Vorlieben und Interessen

Die Vorlieben des Kindes können ...

  • beim Elterngespräch erfragt werden
  • beim Kind selbst erfragt werd
  • durch Beobachten des Kindes festgestellt werden (z. B. beim Freispiel oder beim gelenkten Spiel)

Beispiel: Kind mag Helden in Kinderbüchern, mag uniformierte Personen, spielt gerne Verkleiden, spielt gerne Mutter-Vater-Kind, baut gerne Türme, mag es, wenn man ihm Geschichten vorliest, malt gerne, fährt Dreirad, spielt mit Sand, mag Regelspiele, mag bestimmte Tierfiguren (z. B. Pferde), möchte im Spiel der König sein, ...

Besondere Symptome

  • Psychosomatische Symptome: Daumenlutschen, Ticks, Gehemmtheit, Nägelkauen, Enuresis/Enkopresis (Einnässen/Einkoten)
  • Autoaggressives Verhalten (Kind schlägt sich selbst, reißt sich Haare aus, kratz sich)
  • Stereotype Verhaltensweisen (oft bei Menschen mit geistiger Behinderung)
  • Aggressivität gegen Gleichaltrige oder Erwachsene

Weitere Informationen

Über die Autorin/den Autor
Diana Saft ist staatlich anerkannte Heilpädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie sammelte bisher Erfahrungen in einem Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, in einem integrativen Kindergarten und in einem deutschen Kindergarten in den USA.

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